Ende Mai beziehungsweise Anfang Juni geht es für unzählige Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen auf Oberkärntens Almen. Dort sollen sie unbeschwerte Sommermonate verbringen. Doch die ruhigen Zeiten gehören seit der Ausbreitung des Wolfes der Vergangenheit an. 127 Nutztiere kehrten im Herbst des vergangenen Jahres nicht mehr zurück, viele gelten nach wie vor als vermisst. Landesweit wurden 44 genetisch nachgewiesene Wolfsindividuen erfasst, informiert das Land Kärnten. „Wie aus den offiziellen Unterlagen zu entnehmen ist, gab es weniger Risse“, fasst Hermagors Bezirksjägermeister Raphael Gressel die letzte Almsaison zusammen. „Was jedoch auffällt ist, dass trotz Behirtung und starker Frequentierung durch Touristen und Jäger Tiere abgängig sind und nicht mehr gefunden werden. Nutztiere auf Alm- und Weideflächen haben ihr Verhalten der dauernden Wolfspräsenz angepasst und sensibilisiert. Dies zeigen uns die tragischen Vorfälle auf Almen und Weiden der jüngeren Vergangenheit“, so Gressel.

Auch im Bezirk Spittal kam es 2025 zu punktuellen und teils sogar intensiveren Zwischenfällen, berichtet Bezirksjägermeister Christian Angerer. „Es kam zu vermehrten Attacken und Rissen auf Nutz- und Wildtiere. Die Kreuzeck-Gruppe hat sich zu einem wahren Hotspot entwickelt.“

Hermagors Bezirksjägermeister Raphael Gressel
Hermagors Bezirksjägermeister Raphael Gressel © Privat
Spittals Bezirksjägermeister Christian Angerer
Spittals Bezirksjägermeister Christian Angerer © KK/Privat

Unbewirtschaftete Almflächen

Die Viehbesitzer reagierten und begannen, einen Teil ihrer Tiere nicht mehr aufzutreiben oder in tiefere Lagen zu bringen. „Es gibt Almflächen, auf denen sich keine Weidetiere mehr befinden oder weniger Weidetiere unterwegs sind. Diese Flächen befinden sich ebenfalls in der Kreuzeck-Gruppe und beginnen zuzuwachsen“, weiß Angerer.

Zu Beginn der diesjährigen Almsaison ist der Wolf – wenig überraschend – wieder das Thema Nummer eins. „Aktuell wird viel über ihn gesprochen, weil er wieder präsenter ist“, sagt Angerer, der unlängst bei einer Jägersitzung in Klagenfurt war. „Es wurde berichtet, dass heuer das Jahr mit den meisten Nachweisen von neuen Wölfen überhaupt ist. Das ist dem Umstand geschuldet, dass die Reviere in Italien voll sind und die Nachkommen nach Kärnten ausweichen müssen.“

Das bestätigt auch Josef Obweger, Obmann der Almwirtschaft Österreich: „Es sind sehr viele Individuen in den Wäldern unterwegs, das belegen Nachweise.“ Sorgen macht ihm zudem die anhaltende Trockenheit. „Zum Teil wächst das Gras auf den Almen nicht so, wie es sollte. Viele Quellen sind stark zurückgegangen oder versiegt“, verdeutlicht Obweger. Die Hoffnungen sind groß, dass sich bald ergiebiger Regen ankündigt. „Sonst könnte es Probleme bei der Wasserversorgung der Tiere kommen. Im schlimmsten Fall müssen diese dann abgetrieben werden.“

Josef Obweger ist der Obmann des Almwirtschaftsvereins Kärnten
Josef Obweger ist der Obmann des Almwirtschaftsvereins Kärnten © Camilla Kleinsasser

Keine praktikable Lösung

Ende April wurde bekannt, dass die Kärntner Wolfsverordnung um drei Jahre verlängert wurde. Diese Entscheidung betrachten die beiden Bezirksjägermeister als sinnvoll. „Meines Erachtens ist es eine praktikable Lösung und ein guter Übergang zu einer im Alpenraum legitimen Bejagung. Diese wird notwendig sein, wenn wir traditionelle, sanfte Almbewirtschaftung und die Kulturlanderhaltung weiterhin betreiben wollen“, kommentiert Gressel.

Zeitgleich sorgte ein außergewöhnliches Experiment für Schlagzeilen. Der Villacher Rudolf Schaubach (72) wollte Schafe mit einem speziellen Kunststoff-Netz vor Wolfsangriffen schützen. Das Netz aus Kunststoff wird dem Schaf angelegt, nach außen zeigen Noppen beziehungsweise kleine Spitzen. Kopf, Euter und Hinterteil bleiben frei, damit das Tier fressen, sich bewegen und ein Lamm säugen kann. Die Spitzen sollen Wölfe beim Zubeißen abschrecken. Nach einer Anzeige durch Tierschützer und dem Einschreiten der Behörden wurde ein Versuch im Gailtal vorzeitig beendet. Angesprochen darauf entgegnet Gressel: „Jede Art des Schutzes gegen Großraubwild ist grundsätzlich zu begrüßen und wird mit Sicherheit in Zukunft eine gewisse Rolle spielen.“ Jedoch sei die „Schaf-Rüstung“ keine praktikable Lösung und hätte nicht funktioniert, findet Angerer. Gressel ergänzt: „Da unsere Almen zu einer großen Masse nicht für Zäunungen geeignet sind, werden sich – neben einer effektiven und gezielten Bejagung – gegebenenfalls auch Schutzvorrichtungen entwickeln, die direkt oder indirekt wirken und somit dazu beitragen, Tierleid zu vermindern.“