„Je ängstlicher Du wirst, umso mehr verlierst Du Deine Freiheit,“ meint Özlem Cekic gleich zu Beginn unseres Gesprächs, und man merkt ihr die Entschlossenheit an. Cekic weiß aus eigener Erfahrung, wovon sie da spricht. Die 50-Jährige mit türkisch-kurdischen Wurzeln gilt als eine der bekanntesten politischen Stimmen in Dänemark. 2007 wurde sie eine der ersten Abgeordneten mit ausländischem Hintergrund. Seitdem bekommt die Muslima ausländerfeindliche Hassbotschaften, zumeist via E-Mail und auf Social Media. Auch heute noch.

Wie geht man damit um? Angst und Abscheu dominierten anfangs die Gefühlslage der gelernten Krankenschwester. „Ich war damals stolz, keinem rechten Politiker je die Hand gereicht zu haben“, meint Cekic, die als Kind mit ihren Eltern nach Dänemark gekommen war und für die „Sozialistische Volkspartei“ ins Parlament einzog. Bis ein Freund ihr eines Tages riet, einen der „Hass-Schreiber“ einmal persönlich zu treffen.

Er nannte sie „Terroristin“

Nach einigem Zögern, erzählt sie, rief sie ihn an und besuchte ihn. Einen Mann, der sie „Terroristin“ genannt hatte. Doch ihr Plan ging schief. Sie konnte den Dänen namens Ingolf nicht zu einer Entschuldigung bewegen.

Sie gab es auf, ihn überzeugen zu wollen und ging zum Smalltalk über, und siehe da: „Wir stellten beide fest, dass wir eigentlich viel gemeinsam haben. Jeder hat den anderen zuvor dämonisiert“, erzählt Özlem Cekic. Und: „Ja, auch ich hatte damals Vorurteile.“ Aus ihrem Kaffee mit dem „Hater“, wie Menschen genannt werden, die im Internet Hass verbreiten, wurde ein Gespräch, das Verbindung herstellte – und schließlich ein Projekt, das immer weitere Kreise zog. Denn sie machte weiter, traf bekennende Nazis, radikale Islamisten wie Salafisten, Vertreter radikal-christlicher Gruppen; immer zu einem gemeinsamen Kaffee.

Immer wieder war Özlem Cekic Anfeindungen ausgesetzt
Immer wieder war Özlem Cekic Anfeindungen ausgesetzt © imago stock&people

„Als junge Frau war ich selbst Rassistin“, sagt Cekic. Sie lehnte Dänen ab, weil diese sie als Ausländerin angegriffen hatten, Juden aufgrund der Auseinandersetzung um Palästina, Türken wegen des Konflikts mit den Kurden. Über Gespräche lernte sie dann Vertreter dieser Gruppen besser kennen: „Der Dialog ,impft‘ mich gegen Hass“, erklärt sie. Und weiter: „Man muss auch mit Extremisten reden“. Gerade diesen mangele es an Dialog.

Mohammed-Karikaturen

Nach ihrem Ausscheiden aus der Parteipolitik gründete sie 2019 gemeinsam mit dem ehemaligen Rabbiner Jair Melchior die Vereinigung „Brückenbauer“. Dort können sich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten zu einem „Dialogkaffee“ treffen. Verständnis und Verbundenheit zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen ist die Zielsetzung. Ein Iman war früher im Vorsitz des Projekts, derzeit Flemming Rose: Als leitender Redakteur hatte er 2005 den Abdruck der Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ zu verantworten, was zu weltweiten Protesten von Muslimen führte. Dänemark ist bekannt für harte Kontroversen um den Islam wie für seine strenge Migrationspolitik. Die rechte „Dänische Volkspartei“ will „Remigration“, will einen Teil der Muslime des Landes verweisen. Aber auch ihre Vertreter nehmen an dem „Dialogkaffee“ teil, ein Treffen, bei dem auf Aufzeichnung verzichtet wird. „Sonst reden die Menschen in die Kamera und nicht miteinander,“ meint Cekic.

Ukrainer und Russen

Wichtig sei, dass es keine Verlierer oder Gewinner gebe, die Idee wäre, sich auf der Mitte der Brücke zu treffen. Vor allem der Gaza-Krieg war eine Herausforderung für die Dialog-Idee. Es sprechen hier dennoch Juden und Muslime miteinander, auch Russen und Ukrainer. Bei solch schwierigen Begegnungen müsse erst gemeinsam Zeit verbracht werden, etwa beim gemeinsamen Kochen, bevor die Gruppen mit dem Sprechen über ihre Gegensätzlichkeiten beginnen. „Aber zum Dialog gibt es keine Alternative“, ist Özlem Cekic überzeugt.