Vor einigen Wochen besuchte ich bei bewölktem Nachthimmel außerhalb von Kiew eine der effektivsten Waffen der ukrainischen Luftverteidigung gegen russische Drohnen, den Flugabwehrkanonenpanzer Gepard. Der Panzer war auf einem kleinen Hügel situiert, seine zwei Maschinenkanonen gegen den Himmel gerichtet, umgeben von einem Beet aus Patronenhülsen. Die Besatzung, mit der ich sprach, zeigte sich äußerst zufrieden mit dem Stahlkoloss und meinte, sie hätten erst vor wenigen Stunden eine russische Drohne abgeschossen, die das in der Nähe befindliche Wärmekraftwerk angreifen wollte.
Die deutsche Bundeswehr musterte das in Deutschland fabrizierte Gerät 2012 aus und schaffte damit eine ganze Waffengattung, die Heeresflugabwehrtruppe, im gleichen Jahr ab, weil man keinen Verwendungszweck für das System mehr sah. Der Gepard ist nun ein kleiner Teil des größten Luftverteidigungssystems Europas seit dem Zweiten Weltkrieg, das sich aus Radaranlagen, akustischen und visuellen Sensoren, Abfangdrohnen, Helikoptern, Kampfflugzeugen und Raketenabwehrsystemen aller Art zusammensetzt.
Oreschnik-Rakete eingesetzt
Mit den verheerenden Luftangriffen der letzten Tage, wo Russland auch erstmals nahe der Hauptstadt die Oreschnik-Mittelstreckenrakete einsetzte und mindestens vier Menschen tötete, geht die Angst um, dass Moskau den Luftkrieg und damit die Terrorbombardements in den nächsten Wochen verstärken könnte, vor allem weil Russland schwere Verluste an der Front ohne nennenswerte Erfolge erleidet. Ich schrieb schon zuletzt, warum ich glaube, dass es bezüglich der Lage an der Front zu früh ist, von einer Trendwende zu sprechen, obwohl die militärische Lage der Ukraine im Mai 2026 deutlich besser ist als sie noch vor einem Jahr war und Russland langsam die Optionen ausgehen, wie es noch eine Entscheidung auf dem Schlachtfeld erzwingen kann.
Leider könnten wir uns in einigen Wochen in einer Situation befinden, in der die Front im Großen und Ganzen mit wenigen Gebietsverlusten hält, Kiew und alle größeren Zentren der ukrainischen Rüstungsindustrie aber mit einer noch nie in diesem Krieg dagewesenen Anzahl an Drohnen, Raketen und Bomben angegriffen werden, um die Moral zu brechen und die Ukraine zu zwingen, Ressourcen von der Front, vor allem Luftverteidigungssysteme, abzuziehen.
Die große Frage hierbei wird sein: Kann Russland diese Angriffe derartig nach oben skalieren, dass die ukrainische Luftverteidigung kollabiert? Russland wird versuchen, die Luftabwehr zu übersättigen, d. h. mit so vielen Raketen und Drohnen anzugreifen, dass der Ukraine die Munition ausgeht. Das könnte vor allem in einem Bereich funktionieren: bei den amerikanischen Boden-Luft-Raketen, die es zur Abwehr von ballistischen Raketen braucht. Um nur eine einzige russische Rakete abzufangen, braucht man mehrere Abfangraketen, von denen es zu wenige in der Ukraine und in ganz Europa gibt.
Ein harter Sommer
Russland kann also mit seinen ballistischen Raketen mit Sicherheit mehr Zerstörung verursachen, und wir sollten uns auf zusätzliche Hiobsbotschaften aus den ukrainischen Städten einstellen, was Zerstörung und den unnötigen Verlust von Menschenleben betrifft. Es wird ein harter Sommer für die Ukraine.
Doch Russlands Luftkriegskampagne gegen die Rüstungsindustrie, die kritische Infrastruktur und die Terrorbombardements gegen die Zivilbevölkerung werden zwei Dinge nicht bewirken: die anhaltende Pattsituation an der Front merklich zugunsten Russlands verschieben und den Widerstandswillen der Ukraine brechen.
Buch: Franz-Stefan Gady: Der Überfall. Wenn der Krieg zu uns kommt. Molden Verlag, 2026.