Nach dem Hantavirus-Ausbruch auf dem Kreuzfahrtschiff "Hondius" macht die Weltgesundheitsorganisation die Evakuierung der rund 150 Menschen an Bord zur Chefsache. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus traf am Samstag in Spanien ein, um eine sichere Evakuierung zu beaufsichtigen. Laut WHO wurde mittlerweile in sechs von acht Verdachtsfällen eine Infektion mit dem von Mensch zu Mensch übertragbaren Andes-Virusstamm bestätigt. Bisher gab es drei Todesopfer unter den Passagieren.

"Ich bin in Spanien eingetroffen, wo ich mich mit hochrangigen Regierungsvertretern an einer Mission nach Teneriffa beteiligen werde, um die sichere Ausschiffung der Passagiere, Besatzungsmitglieder und Gesundheitsexperten des Kreuzfahrtschiffs 'MV Hondius' zu beaufsichtigen", erklärte Tedros am Samstag im Onlinedienst X. Am späten Nachmittag wollte der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez den WHO-Chef in seinem Amtssitz in Madrid empfangen.

Nach Angaben aus spanischen Regierungskreisen will Tedros danach mit Spaniens Innenminister Fernando Grande-Marlaska und Gesundheitsministerin Mónica García Gómez zu einer Kommandozentrale auf den Kanaren reisen, um die Koordination zwischen den beteiligten Regierungen und die "Anwendung der geplanten Überwachungs- und Maßnahmenprotokolle" sicherzustellen.

EU-Länder schicken Flugzeuge

Deutschland, Frankreich, Belgien, Irland und die Niederlande schicken Flugzeuge nach Spanien zur Evakuierung ihrer Staatsangehörigen von dem Kreuzfahrtschiff. Das teilte der spanische Innenminister Grande-Marlaska zudem mit. Die Europäische Union entsende zudem zwei weitere Maschinen für die übrigen EU-Bürger. Für Passagiere aus Nicht-EU-Staaten, deren Heimatländer keine eigenen Flüge organisieren könnten, bereiteten die USA und Großbritannien Notfallpläne und Transportmöglichkeiten vor.

Die "Hondius" soll Sonntagfrüh auf Teneriffa ankommen. Auf Drängen der örtlichen Behörden soll das Schiff aus Sicherheitsgründen aber nicht in den kleinen Industriehafen Granadilla de Abona einlaufen, sondern vor der Kanareninsel ankern. Der Großteil der rund 150 Menschen an Bord soll von dort auf einem kleineren Schiff an Land gebracht und dann in Bussen zum Flughafen Teneriffa-Süd gefahren und in ihre Heimatländer geflogen werden.

Niemand an Bord mit Symptomen

Gesundheitsministerin García Gómez sagte, dass sowohl das Gepäck als auch die Leiche des deutschen Todesopfers an Bord blieben. Das Schiff fahre dann mit einem Teil der Besatzung in die Niederlande weiter. Die Planungen für die Ankunft, inklusive Untersuchungen und Quarantäne-Prozeduren, würden von verschiedenen Organisationen verantwortet, darunter die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie niederländische und spanische Gesundheitsbehörden, hatte der Kreuzfahrt-Veranstalter Oceanwide Expeditions am Freitagabend mitgeteilt.

Der Betreiber erklärte, derzeit zeige niemand auf der "Hondius" Symptome. Nach dem Anlegen in dem Hafen der spanischen Insel vor der Westküste Afrikas lägen die medizinischen Schritte und die mögliche Heimreise der Passagiere in der Hand der Behörden. Oceanwide Expeditions sei dann nicht mehr involviert.

Das Schiff war am Mittwochabend von Kap Verde in Richtung der Kanarischen Inseln aufgebrochen. Zu dem Zeitpunkt gab der Betreiber für die Überfahrt eine voraussichtliche Dauer von drei bis vier Tagen an. Ursprünglich hatte die "Hondius" ihre Reise Anfang April im Süden Argentiniens begonnen.

Bisher drei Tote auf der „Hondius“

Drei betroffene Personen sind bisher gestorben. Bei ihnen handelt es sich um ein älteres Ehepaar aus den Niederlanden und eine Frau aus Deutschland. Die WHO hat wiederholt betont, dass es sich bei dem Hantavirus-Ausbruch um eine ernste Entwicklung handle, aber keinesfalls um den Beginn einer Pandemie. Hantaviren werden üblicherweise durch infizierte Nager wie Ratten oder Mäuse übertragen. Bei dem aktuellen Ausbruch geht es jedoch um den sogenannten Andes-Typ, bei dem eine Übertragung von Mensch zu Mensch bereits in der Vergangenheit in Einzelfällen dokumentiert wurde.

Das italienische Gesundheitsministerium hat indes eine "aktive Überwachung" von vier Passagieren eingeleitet, die an Bord eines KLM-Fluges nach Rom waren. Die später gestorbene Frau aus den Niederlanden hatte sich wenige Minuten an Bord des Flugzeugs in Südafrika befunden, wurde aber vor dem Start wegen ihres schlechten Gesundheitszustands aus der Maschine geholt und starb kurz darauf in einem Krankenhaus.

Die Kontaktdaten der vier betroffenen Passagiere seien erfasst und an die zuständigen Regionen Kalabrien, Kampanien, Toskana und Venetien weitergeleitet worden, teilte das italienische Gesundheitsministerium am Samstag mit. Dort sei "nach dem Prinzip größtmöglicher Vorsicht" eine Gesundheitsüberwachung eingeleitet worden. In Florenz wurde nach Behördenangaben eine Frau unter medizinische Beobachtung gestellt. Sie sei als eine der vier italienischen Passagiere identifiziert worden und befinde sich vorsorglich in Quarantäne, bis die notwendigen klinischen Untersuchungen abgeschlossen seien.