Wer glaubt, dass alle Italiener singen können, sollte einmal der italienischen Frau des Autors zuhören. Am besten noch im Auto, im Duett mit dem italienischen Schwiegervater. Man möchte bei voller Fahrt die Tür aufstoßen und in den Straßengraben hechten.

Aber die Gradeser allgemein – die können ziemlich gut singen. Vielleicht ist es die klare Meerluft, die die Stimmbänder reinigt. Vielleicht ist es auch der Hauswein in Pinos Bar, der die Bakterien verlässlich abtötet.

Jedenfalls spielt der Gesang in Grado eine ganz große Rolle, und das Festival della Canzone Gradese, erstmals 1946 ausgetragen, ist älter als das Festival von San Remo (1951). „Sanremo“, so die italienische Schreibweise, das jedes Jahr im Februar steigt, ist zu einem Straßenfeger geworden, bei dem selbst der Fußball in den Hintergrund rückt. Das mehrtägige Festival hat bessere Einschaltquoten als die Weltmeisterschaften – auch jene Weltmeisterschaften, an denen Italien noch teilgenommen hat. Die Älteren werden sich erinnern.

Canzone italiana

Apropos Teilnahme: Italien hat viele Jahre lang nicht beim Eurovision Song Contest mitgemacht – zu unwichtig, Sanremo überstrahlte alles. Dann ließ man sich breitschlagen, seitdem fährt der Sanremo-Sieger zum ESC. Und man ist stolz drauf, dass im Jahr 2021 die italienische Band Måneskin gewonnen hat.

In diesem Jahr wird Sal Da Vinci für Italien die Bühne betreten. Im Gegensatz zu den Måneskin-Rockern singt Sal das, was im Deutschen „Schlager“ heißt, aber als „canzone italiana“ irgendwie anspruchsvoller klingt. Der 57-Jährige ist kein Newcomer. Er wurde in New York geboren, wo sein Vater, ebenfalls Sänger, sich auf Tournee befand. Schon 2009 schaffte er in Sanremo den dritten Platz, mit dem Song „Non riesco a farti inammorare“ (kauf Deutsch etwas sperrig: „Ich kann dich nicht dazu bringen, dich in mich zu verlieben“). In Wien wird Sal Da Vinci antreten mit „Per sempre si“ – „Für immer Ja“. Damit hat er schon in Sanremo überzeugt.

Die Gradeser jedenfalls pfeifen auf diese großen Events und halten ihr Festival konsequent im Inseldialekt ab. Lokale Sänger treten mit Eigenkompositionen an, und das gebotene Gesangsniveau ist erstaunlich hoch. Experimente halten sich in Grenzen; gern wird die Schönheit der Insel gesungen und mit der Schönheit der Liebe verglichen, gewürzt mit ein bisschen Melancholie. Und daran ist ja nichts Falsches.

Frei nach dem bayerischen Machtmenschen Franz Joseph Strauß („Ist doch wurscht, wer unter mir Bundeskanzler wird“): Es ist den Gradesern ganz egal, wer unter ihnen in Wien Weltstar wird.