GLP-1-Rezeptoragonisten – oder einfacher – Abnehmmedikamente mit Wirkstoffen wie Semaglutid oder Tirzepatid haben die Behandlung von Adipositas massiv verändert. Entwickelt wurden sie für die Therapie von Diabetes, aber auch in Bezug auf andere Erkrankungen gibt es Anzeichen, dass diese Wirkstoffe sich positiv auswirken können. Etwa, wenn es darum geht, Suchterkrankungen zu behandeln. Es zeichne sich ab, dass diese Art von Wirkstoffen direkt auf zentrale Mechanismen von Suchtverhalten wirken könnten, sagt Sophia Khom-Steinkellner, Assistenzprofessorin am Department für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Wien. „Vielversprechende präklinische Daten gibt es bereits für Nikotin-, Opioid- und Kokainkonsum im Tiermodell“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Einen Schritt weiter ist man schon in Bezug auf Alkohol. Daten der ersten randomisiert-kontrollierten Studie liegen nun vor. Untersucht wurde die Wirksamkeit von Semaglutid bei Alkoholabhängigkeit. 108 Personen mit einem Body-Mass-Index über 30 waren in die Studie eingeschlossen, die im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Die Hälfte der Teilnehmenden erhielt wöchentlich einmal Semaglutid (2,4 Milligramm), die andere Hälfte bekam ein Placebo. Beide Gruppen nahmen begleitend an Psychotherapie teil.

Tage mit exzessivem Alkoholkonsum gesunken

Obwohl die Studie mit knapp über 100 Probandinnen nicht besonders groß sei, seien die Ergebnisse vielversprechend. „Bemerkenswert ist, dass unter Semaglutid nicht nur das Alkoholverlangen, sondern auch starker Alkoholkonsum und die Trinkmenge pro Trinktag reduziert wurden“, sagt Khom-Steinkellner. Die Ergebnisse im Detail: „Zu Beginn der Studie hatten die Patientinnen und Patienten im Durchschnitt 17 Tage mit exzessivem Alkoholkonsum in den vorangegangenen 30 Tagen. Nach sechs Monaten wiesen die Probanden der Semaglutide-Gruppe durchschnittlich etwa fünf Tage mit exzessivem Alkoholkonsum in den vorangegangenen 30 Tagen auf, verglichen mit neun Tagen in der Placebo-Gruppe“, schrieb „Lancet“.

Auch insgesamt nahmen die Personen, die Semaglutid erhielten, weniger Alkohol zu sich (durchschnittlich 467,5 Gramm Alkohol weniger pro 30 Tage). Zum Vergleich: 60 Gramm Alkohol entsprechen etwa 2,5 Litern Bier oder einem Liter Wein. Die Probandinnen berichteten zudem, weniger „Craving“, also Verlangen nach Alkohol, zu haben. Das könnte damit zusammenhängen, dass „Übergewicht und Alkoholstörung deutliche Überschneidungen in denselben Belohnungs- und Hormonsystemen zeigen“, sagt Khom-Steinkellner. „Insgesamt spricht vieles dafür, dass GLP-1-Signalwege wie eine Art natürliches Bremssystem für belohnenden Substanzkonsum wirken.“

Was passiert, wenn das Medikament abgesetzt wird?

Es brauche aber weitere Forschung, etwa um zu ergründen, wie stabil dieser Effekt von Semaglutid und ähnlichen Wirkstoffen langfristig ist Denn mittlerweile weiß man, dass, wenn die Abnehmpräparate wieder abgesetzt werden, auch das Gewicht wieder ansteigt. Ob es diesen Jojo-Effekt auch in Zusammenhang mit Alkohol gibt, gilt es noch zu klären. Ebenso ist es noch Gegenstand der Forschung, ob sich die Effekte in gleicher Weise auf normalgewichtige Betroffene von Alkoholsucht übertragen lassen.