In Österreich denkt jedes sechste Unternehmen an einen Standortwechsel oder zumindest daran, Teile der Wertschöpfungskette in andere Länder zu verlagern. „Das ist bedenklich und leider alarmierend“, sagte KSV1870-Chef Ricardo-José Vybiral bei einem Pressegespräch am Mittwoch. Mit der Industriestrategie Österreich 2035 seien nur sechs Prozent der Betroffenen zufrieden, ergibt der „Austrian Business Check“ .

Laut Online-Umfrage, an der rund 1.100 Unternehmen in Österreich im März 2026 teilnahmen, überlegen 17 Prozent der österreichischen Unternehmen eine Abwanderung. Das bedeute, so Vybiral, dass umgerechnet 110.000 wirtschaftlich relevante Betriebe darüber nachdenken, ob Österreich in Zukunft noch der richtige Standort für das Unternehmen sei. „Ich glaube nicht, dass jetzt Firmenzentralen verschwinden werden. Aber Firmenzentralen sind - wie wir wissen - im Industriesektor nicht wertschöpfend.“ Wenn nur die Zentralen bleiben, habe dies einen „Impact“ auf Arbeitsplätze.

Der Wirtschaftsstandort Österreich sei in den letzten drei Jahren unter Druck gestanden, so Vybiral. Die Attraktivität Österreichs sinke vor allem für den Industriebereich. Die Unternehmen produzieren hierzulande vor allem nur noch das Bestehende, neue Geschäftsbereiche „etablieren sich eher weniger“. Interessant seien aber etwa die USA, Asien oder speziell für die Banken Zentraleuropa bzw. für den Baubereich Länder wie Kroatien oder Slowenien.

Industriestrategie mit fehlender Konkretisierung

Der geringe Zuspruch für die Industriestrategie wird mit der fehlenden Konkretisierung erklärt. Das betreffe den Plan zur Kostensenkung, die Maßnahmen der Entbürokratisierung und die Lösungsansätze zur Bekämpfung von Produktions- und Produktivitätsproblemen. „Ich gehe davon aus, dass hier die Bundesregierung auch noch weiter arbeitet“, so der KSV1870-Chef.

Angesprochen auf die präsentierten Budgetmaßnahmen der Regierung, kritisierte er, dass es sich nicht um ein „strukturelles Budget“ handle. „Das ist ein Pflaster-Budget“, damit die Kriterien aus Brüssel im Rahmen des Defizitverfahrens erfüllt werden. Die Lohnnebenkosten werden über die Unternehmen finanziert. Es sei „noch kein großer Wurf“, es sei ein Kompromiss von drei Parteien.

Kosten, Konsumflaute und Fachkräftemangel als Herausforderungen

Die größten Herausforderungen in Österreich stellen laut Umfrage künftig Kosten, Konsumflaute und Fachkräftemangel dar. Laut Vybiral sind die Hoffnungen „überschaubar, dass wir dieses Thema Fachkräftemangel derzeit in Griff bekommen werden“. Bei den Kosten, die sich als Thema „wie ein roter Faden“ durch die Umfrage ziehen, werden insbesondere die steigenden Energiekosten (48 Prozent), die Preissteigerungen von Lieferanten (43 Prozent) und die steigenden Personalkosten (41 Prozent) genannt.

„Die Geschäftslage ist derzeit einzementiert“, so der KSV1870-Chef. 48 Prozent sagen, dass sie eine sehr gute oder gute Geschäftslage haben. Das habe sich in den letzten drei Jahren de facto nicht verändert. 2019 waren es mehr als 60 Prozent, „wo wir wieder hinkommen müssen“. Die aktuellen Zahlen könnten allerdings durch eine längere Dauer der Nahost-Krise nach unten gedrückt werden.

Nur jeder fünfte Betrieb für 2026 optimistisch

Nur jeder fünfte Betrieb ist für das laufende Jahr optimistisch und erwartet eine Verbesserung (22 Prozent). Verschlechterungen erwarten 30 Prozent der Befragten, dabei sei insbesondere der Handel zu erwähnen. Dieser stehe besonders unter Druck und sei „auch einer der Brennpunktbranchen im Insolvenzbereich“, sagte Vybiral. Auch bei den Umsätzen gibt es wenig Hoffnung auf Besserung. 27 Prozent erwarten für 2026 eine Verbesserung, 29 Prozent hingegen eine Verschlechterung.

Die Auftragslage habe sich in den letzten Jahr nicht so schlecht dargestellt, so der KSV1870-Chef, allerdings konnten viele Aufträge letztlich nicht bedient werden. Dies geschah etwa, „weil man den entsprechenden Preis nicht trifft“. 43 Prozent der befragten Unternehmen seien mit der Auftragslage zufrieden.

Zurückhaltung bei Investitionen

Nur jeder fünfte Betrieb will laut Umfrage 2026 Geld in die Hand nehmen (18 Prozent). Für 35 Prozent ist dies eine Frage der wirtschaftlichen Machbarkeit. Investiert soll besonders in die Digitalisierung bzw. KI-Implementierung (59 Prozent) werden. Auffällig sei, dass das Thema Cybersecurity relativ unterbesetzt war. „Ob das sinnvoll ist?“, fragte sich KSV1870-Prokurist Günther Fasching. Die Investments erfolgen vor allem aus Eigenmitteln (68 Prozent) bzw. aus dem Cashflow (46 Prozent). Nur 22 Prozent nehmen einen Kredit auf. Das sei auch ein kulturelles Thema in Österreich, so Vybiral. Fremdkapital werde ungern zugelassen. Man wolle keine Kontrolle abgeben. 68 Prozent der Unternehmen weisen eine stabile Finanzbasis auf.

85 Prozent der Unternehmen sind laut Wirtschaftsdatenbank des KSV1870 im Sparmodus. Gespart werde vor allem in den Bereichen Einkauf, Energie, Kommunikation/Werbung/Events, Verwaltung und Reisekosten. Diese können „relativ rasch umgesetzt“ und „laufend angepasst“ werden, so Fasching.