Der Lärm in der Metaller-Lohnrunde war laut. Viel weiter hätten Forderungen und Gegenangebot der Arbeitgeber kaum auseinander liegen können. Wenig überraschend: In Zeiten historisch hoher Inflationsraten können Gewerkschaften nicht leise treten. Streikdrohungen sind zwar keine ständigen Begleiter der Lohnverhandlungen, sie gehören aber zum Repertoire des Rituals. Beim vierten Treffen nach zwölf Stunden Verhandlung rauften sich die Arbeitgeber der metalltechnischen Industrie mit den Gewerkschaften Pro-GE und GPA kurz nach Mitternacht am Freitagmorgen dann doch zusammen.

Im Schnitt gibt es für die etwa 130.000 Beschäftigten rückwirkend ab November 7,44 Prozent höhere Ist-Löhne und Gehälter. Die Basiserhöhung beträgt hier 5,4 Prozent plus eines monatlichen Fixbetrages von 75 Euro. Für untere Einkommensgruppen bedeutet das bis zu 8,9 Prozent mehr Lohn. Die KV-Löhne und Gehälter sowie die Zulagen steigen um sieben Prozent, der Mindestlohn von 2090 auf 2236 Euro. Lehrlinge werden bis 2024 schrittweise deutlich mehr als bisher verdienen.

Keine Einmalzahlungen

Pro-GE-Chef Rainer Wimmer (67), der die Verhandlungen ein letztes Mal für die Arbeitnehmer mit Karl Dürtscher von der GPA führte, ist zufrieden: "Es ist uns gelungen, in einer außergewöhnlichen Situation einen Reallohnzuwachs zu erreichen." Und zwar ohne Einmalzahlungen, die sich die Arbeitgeber gewünscht hätten.

"Das wären schöne Nettobeträge gewesen", so Christian Knill, Chefverhandler der metalltechnischen Industrie zur Kleinen Zeitung. Davon abgesehen ist auch er zufrieden mit dem Ergebnis. Mit Blick auf das nächste Jahr, wenn die aktuellen Inflationsraten abzugelten sind, fürchtet Knill allerdings, dass die Gespräche noch schwieriger werden dürften.

Wie wird das Ergebnis von Wirtschaftsexperten eingestuft? Klaus Neusser, Chef des Instituts für Höhere Studien: "Das ist im Prinzip ein vernünftiger Lohnabschluss." Gut sei, dass die Forderung nach einer sechsten Urlaubswoche beiseite geschoben wurde. "Allerdings wäre es auch vernünftig gewesen, heuer wegen der noch guten Gewinne die steuerfreie Einmalzahlung zu nutzen", so Neusser. Ob die Industrie den Kostenschub weitergeben könne, das sei derzeit nicht zu beurteilen.

"Es ist kein Wunder, dass die Gewerkschaft keine Einmalzahlungen wollte", argumentiert Benjamin Bittschi vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo. Durch die vielen Maßnahmen der Regierung werde es 2023 hohe Zuwächse bei den Nettoeinkommen geben. "Dadurch sind Absicherungen im Bruttoeinkommen attraktiver", erklärt Bittschi. So wirken sich höhere Löhne etwa für die Pension aus.

Signalwirkung

"Der Abschluss lässt sich jedenfalls gut mit wirtschaftlichen Daten erklären", sagt der Wifo-Experte. Was das für andere Branchen heißen könne, vor allem den Handel? "In der Metalltechnischen Industrie gab es etwas zu verteilen", sagt Bittschi. Der Handel leide vielerorts noch unter den Corona-Nachwehen. Deshalb könnten hier die steuerfreien Einmalzahlungen sehr wohl noch bedeutend sein.

Üblicherweise hat der Metaller-Abschluss große Signalwirkung. Meistens gab es nur kleine Abschläge im Schnitt von zwei, drei Zehntel-Prozentpunkten. Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes, hofft, dass in den gerade stockenden Lohngesprächen für den Handel die Sicherung der Jobs im Fokus stehen wird. Will: "Ein Abschluss wie bei den Metallern ist für den Handel unfinanzierbar."