Habemus Metaller-Kollektivvertrag! Nach vier Verhandlungsrunden, die letzte mit einer für "normale" Arbeitnehmer gerade noch erlaubten 12-Stunden-Schicht, einigten sich die Gewerkschaften Pro-Ge und GPA mit Verhandlungsführer Rainer Wimmer und der Fachverband Metalltechnische Industrie (FMTI) mit Christian Knill an der Spitze auf einen eigentlich logischen Durchschnittswert – 4,1 Prozent lautete das Angebot der Arbeitgeber, 10,6 Prozent die Forderung der Arbeitnehmer. 7,35 wären's also mathematisch gewesen, 7,44 sind es schlussendlich geworden.

Das wäre wohl auch mit weniger Brimborium möglich gewesen. Aber die Rituale sind eben so – und dieses Ergebnis ist dennoch gleichermaßen bemerkenswert wie gerade noch vernünftig.

Zehn Schlussfolgerungen bzw. Konsequenzen:

1. Einmal mehr wurde bei einer der stets wegweisenden Metaller-KV-Runden ein Kompromiss erzielt, der in sich logisch und nachvollziehbar wirkt, legt man die rollierende Inflation der letzten zwölf Monate von 6,3 Prozent zugrunde. Dazu ein Produktivitätszuschlag von rund einem Prozentpunkt sowie ordentliche Lohnerhöhungen für Lehrlinge: Die zwei Verhandlungsparteien gingen mit übermäßigen Forderungen bzw. mäßigen Angeboten in die Verhandlungen, zunehmend von gewerkschaftlichem Getöse begleitet. Dass es schlussendlich ohne Streiks abging, ist ein Glück für den Wirtschaftsstandort.

2. So ordentlich die 7,4 Prozent Lohnplus auch sind – das Ergebnis basiert auf der Inflationsrate der vergangenen zwölf Monate und nicht der massiven Teuerung, die uns im Herbst 2022 heimsucht. Elf Prozent sind es im Oktober – und die zweistelligen Inflationsraten werden uns wohl noch einige Monate erhalten bleiben. Diese horrende Inflation gilt es im Herbst 2023 abzugelten, dann wird ein noch deutlich härteres Metallstück zu bohren sein als jetzt (siehe Punkt 10).

3. Die leichtere Erreichbarkeit der sechsten Urlaubswoche, ebenfalls eine Forderung der Gewerkschaften, war diesmal jedenfalls kein Thema. Teuerung schlägt also Work-Life-Balance, könnte man sagen. In Zeiten wie diesen kein Fehler.

4. Befeuert der Metaller-Abschluss die Lohn-Preis-Spirale? Ja, sehr wohl, aber in einem noch zumutbaren Ausmaß. Ein Abschluss mit den von den Arbeitgebern gebotenen 4,1 Prozent hätte für die Teuerung zwar weniger Auftrieb bedeutet, wäre allerdings ein Schaden für die Kaufkraft und gesamtwirtschaftlich daher kein Vorteil gewesen.

5. Durchgefallen sind die Arbeitgeber mit ihrer Forderung, staatliche Unterstützungsleistungen gegen die beinahe schon monströse Teuerung in die Lohnverhandlungen einzurechnen. Die Gewerkschaft ließ auch keinen Zweifel daran, sich nicht mit (zusätzlichen) Einmalzahlungen abspeisen zu lassen.

Und das ist beides gut so. Ersteres, weil Lohnverhandlungen in Österreich aus gutem Grund zwischen zwei autonomen Vertragsparteien geführt werden und der Staat nicht mit am Tisch sitzt – auch nicht virtuell, wie die Metaller-Gewerkschafter jetzt klarmachten. Und Zweiteres, weil die Inflation schließlich auch kein einmaliges Phänomen ist – Löhne und Gehälter sollten ein redliches Auskommen sichern – dauerhaft, auch in Zukunft.

6. Klar ist aber auch, dass die bisher geleisteten sündteuren staatlichen Maßnahmen zur Dämpfung der Folgen der Inflation für Haushalte und Unternehmen gleich doppelt Auswirkungen auf die Inflation selbst vermissen lassen. Erstens, weil sie gar nicht auf die Inflation selbst senkend wirkten (sondern nur als Ausgleichspflaster im Nachhinein) und zweitens, weil die höhere Inflation nun auch mit höheren Löhnen abgegolten werden muss. Kein Ruhmesblatt für diese Regierung.

7. Der Metaller-KV fungiert einmal mehr als Leitstern für die folgenden bzw. parallel verlaufenden Verhandlungen. Vor allem dem Handel, wo Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch Welten trennen (und die wirtschaftlichen Voraussetzungen für satte Lohnerhöhungen noch einmal deutlich schwieriger sind als bei den Metallern), gaben Wimmer, Knill & Co. eine ordentliche Nuss zu knacken.

8. Zwei Lehren scheinen gewiss: Mit weniger als der Abgeltung der Inflationsrate plus zumindest einer minimalen realen Lohnerhöhung wird in diesem Herbst keine Gewerkschaft den Verhandlungstisch mit einem Abschluss verlassen. Das wird in Branchen, die deutlich höhere Personalkosten-Anteile haben als die Metaller, für Arbeitgeber mitunter kaum oder gar nicht zu stemmen sein. Und: Einmalzahlungen sind ein Zubrot, aber kein Ersatz für ordentliche Lohnerhöhungen.

9. Die Verhandlungsrunden im Herbst, auch gekennzeichnet von mehreren Sonder-KV-Verhandlungen, stehen im Zeichen von Vorboten einer mutmaßlich höchst schwierigen wirtschaftlichen Phase. Weil Lohnrunden aber rückwirkende Parameter heranziehen, gibt es auch einiges zu verteilen, die Unternehmensgewinne sprudelten jedenfalls bis zum Sommer in vielen Branchen.

10. Der kommende Winter könnte jedoch einiges an Unheil bringen: Spätestens im nächsten Jahr schlagen die dramatisch gestiegenen Energiekosten voll durch, begleitet von der einbrechenden Konjunktur und Umbrüchen in vielen Branchen. Dazu kommen steigende Zinskosten, die die Wirtschaft schwächen. Welche Folgen diese Gemengelage haben wird, wissen wir heute noch nicht. Keine guten, ist zu befürchten.

Der diesmal erkennbare gute Wille auf beiden Seiten des Verhandlungstisches sollte dann auch 2023 spürbar sein, sonst werden vier Verhandlungsrunden und 12-Stunden-Schichten nur mehr eine blasse Erinnerung an vergleichsweise gute Zeiten sein.