Krach bei VW VW-Chef Diess: Warum der Konflikt mit dem Betriebsrat eskaliert

Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess sprach bei Betriebsversammlung vor Zehntausenden Zuhörern. Betriebsratschefin und Aufsichtsrätin Daniela Cavallo hatte Diess zuvor scharf kritisiert. Worum geht's in dem neuerlichen Konflik? Ein Überblick.

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Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess
Volkswagen-Konzernchef Herbert Diess © (c) Volkswagen AG
 

Der Burgfrieden beim deutschen Fahrzeughersteller Volkswagen (VW) zwischen Konzernchef Herbert Diess und dem mächtigen Betriebsrat hat nicht lange gehalten. Erst im Juli war der Vertrag des Managers verlängert worden, nachdem er durch Streit mit der Arbeitnehmervertretung fast seinen Job verloren hätte. Im Vorfeld der wichtigen Jahresplanung ist ein Konflikt über die Zukunft des größten Werkes am Konzernsitz Wolfsburg ausgebrochen.

Was ist der Kern des Konflikts?

Das mit rund 13.000 Produktionsmitarbeitern größte Montagewerk der Kernmarke VW muss für den Umschwung zur Elektromobilität fit gemacht werden. "Ich mache mir Sorgen um Wolfsburg", rief Diess den Beschäftigten auf einer Betriebsversammlung zu. Er hält die Produktion für nicht effizient genug im Kampf mit der immer härteren Konkurrenz um die von VW beanspruchte Marktführerschaft bei Elektroautos. Der VW-Boss hält seinen Leuten ständig den US-Elektroautopionier Tesla als leuchtendes Beispiel mit angeblich nur zehn Stunden Zeitaufwand pro Auto vor Augen. Bei VW soll es dreimal so lange dauern, bis ein Auto vom Band rollt.

Mit der nahenden Eröffnung der ersten Tesla-Fabrik in Grünheide bei Berlin steigt in der gut 200 Kilometer entfernten VW-Zentrale die Nervosität. Während einige VW-Werke schon in die Elektroära starten, soll es in Wolfsburg bisher erst 2026 mit der automatisch fahrenden Elektro-Modellreihe Trinity losgehen. Anlass des jüngsten Streits waren kolportierte Äußerungen von Diess zu womöglich 30.000 gefährdeten Jobs in Deutschland. Das nahm er zurück, sprach zuletzt aber von "etwas Personalabbau" im Stammwerk.

Was ärgert den Betriebsrat?

Der Betriebsrat lehnt einen weiteren Stellenabbau ab. Die neue Chefin Daniela Cavallo verweist auf den 2016 vereinbarten Zukunftspakt, der sozialverträglichen Jobabbau sowie Beschäftigungssicherung für die Verbleibenden bis 2029 vorsah. Momentan stockt die Fertigung auch in Wolfsburg immer wieder wegen des Halbleiter-Mangels. Cavallo hielt Diess vor, mit seinen Spekulationen über einen Stellenabbau die Beschäftigten zu verunsichern. Unterdessen bekomme er weder die Chip-Versorgung in den Griff, noch habe er Lösungsvorschläge für den Wandel zu Elektromobilität und Digitalisierung.

Zur Veränderung seien Belegschaft und Betriebsrat bereit, "aber nur mit VW-Kultur" - das heißt mit Mitbestimmung der Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat. Der Betriebsrat fordert ein elektrisches Volumenmodell für Wolfsburg schon vor 2026. Cavallo muss sich im kommenden Jahr erstmals als neue Vorsitzende der Betriebsratswahl stellen.

Wie ist die Lage im Aufsichtsrat?

Der Aufsichtsrat setzt sich aus ebenso vielen Vertretern der Eigentümer wie der Arbeitnehmer zusammen. Kommt es zum Patt, hat der von den Eigentümern gestellte Aufsichtsratschef doppeltes Stimmrecht. Zweitgrößter Eigentümer nach den Familien Porsche und Piech ist das Land Niedersachsen, derzeit von einer SPD-geführten Koalition regiert. Ministerpräsident Stephan Weil soll sich nach einem Bericht des "Handelsblatt" von Diess distanziert, die Arbeitnehmervertreter dem VW-Boss das Vertrauen entzogen haben. Der Vermittlungsausschuss des Aufsichtsrats soll sich mit der Zukunft des Konzernchefs befassen, was Diess in eine brenzlige Lage bringen könnte.

Daher ist wichtig, auf welcher Seite Weil steht - als Sozialdemokrat ist er dem Betriebsrat zugeneigt, doch es redet auch der CDU-Koalitionspartner mit. In knapp einem Jahr ist Landtagswahl in Niedersachsen. Der Regierungschef rief auf der Betriebsversammlung zu Geschlossenheit auf: "Das Herz der niedersächsischen Industrie, das schlägt hier in Wolfsburg."

Wie kommt das an der Börse an?

Die VW-Aktie habe schon im vergangenen Jahr unter der Auseinandersetzung zwischen Diess und Cavallos Vorgänger, dem langjährigen Betriebsratschef Bernd Osterloh, gelitten, erklärt Daniel Schwarz, Analyst von Stifel Research. Der Streit um Diess sei eine Katastrophe für den Titel gewesen, urteilt Arndt Ellinghorst von Bernstein Research. "Wenn das wieder losgeht, tut das dem Unternehmen nicht gut, und das ist auch nicht im Sinne der Minderheitenaktionäre. Die Investoren sind wirklich nicht amüsiert." Alle Seiten sollten sich zusammenreißen, das Management seine ganz richtige Strategie zur Elektromobilität umsetzen, ergänzte Ellinghorst. "Die Anleger wünschen sich, dass alle Kräfte im Unternehmen gemeinsam den Wandel gestalten."

Ist Diess noch der Richtige an der VW-Spitze?

Stifel-Analyst Schwarz sagt Ja. Er rechnet nicht mit Diess' Sturz und hält die Diskussion für das übliche Rumoren, das es bei VW meistens im Vorfeld der Planungsrunde gibt, in der über Milliardeninvestitionen entschieden wird. Diess sei näher an den Kapitalmarktakteuren als seine Vorgänger, sein Abgang wäre daher schlecht für VW. Ellinghorst dagegen sieht Fragezeichen. Jetzt komme es auf die Umsetzung an. Hier habe der VW-Boss noch nicht überzeugt. "Wandel braucht hin und wieder die Brechstange, aber bei der Umsetzung muss das Management integrierend wirken." Er sei überrascht, dass Diess nach der Einigung mit dem Betriebsrat schon wieder von Stellenabbau spreche. Dabei müsse er die weltweit 670.000 Beschäftigten im Umbruch mitziehen.

Welche Alternativen gibt es zu Diess?

Porsche-Chef Oliver Blume (53) wird schon länger als Nachfolger von Diess (63) gehandelt. Er führe erfolgreich die Sportwagenschmiede, die neben Audi Hauptgewinnbringer ist. Das mache ihn ebenso wie Audi-Chef Markus Duesmann zum Kandidaten, sagt Analyst Schwarz. An der VW-Spitze müsse jemand stehen, der von innen kommt, den riesigen Konzern kennt, sich mit dem Betriebsrat auseinandersetzen kann - und vor allem das Vertrauen des Großaktionärs, den Porsches und Piechs, genießt, sagt Ellinghorst und nennt VW-Markenchef Ralf Brandstätter (53).

Kommentare (5)
merch
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...

Betriebsratsvorsitzende im Aufsichtsrat. Diesen Widerspruch habe ich noch nie verstanden....

deCamps
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Nichts Neues noch Aufregendes.

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Das ist seit Jahrzehnten in allen finanziell gut gestellten Länder mit dementsprechenden Wirtschaftsgefüge bekannt, nachzuschlagen und nachzuvollziehen. Kein Geheimnis.
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Der VW-Boss hält seinen Leuten ständig den US-Elektroautopionier Tesla als leuchtendes Beispiel mit angeblich nur zehn Stunden Zeitaufwand pro Auto vor Augen. Bei VW soll es dreimal so lange dauern, bis ein Auto vom Band rollt.
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Die Gewerkschaften haben in den letzten 30 Jahren immer mehr die Realität zur Effektivität des Wirtschaftsgefüges verloren. Kann man jetzt in der Pandemie auch in Österreich erkennen. Irgendwer neunmalkluger und Besserwisser spricht von hohen wirtschaftlichen Entwicklungen und das ohne realer sichtbarer Basis und schon wollen die Gewerkschaften diese Basis, die noch nicht verdient wurde, als Lohnerhöhung bekommen. Nein. Nicht einfach, sondern vielfach. Hat, wer die in letzter Zeit radikalen Unternehmenseinbussen berücksichtigt? Nein.

hansi01
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6
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Alle Arbeiten zu langsam und so schlecht

Dafür bekommen die Konzernbosse eine Gage von zig Millionen im Jahr weil es dem Konzernen so schlecht geht.

JohannAmbros
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Diess und die Konzernbosse…

….sollen Ihre Autos selber zusammen Schrauben und den Leuten rate ich zu Hause zu bleiben und die eigenen Kosten auf ein Mindestmaß herunter zu fahren um nicht mehr als moderner Sklave der Autoindustrie herhalten zu müssen

Willi128
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7
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Was soll diese unqualifizierte Aussage?

Waren Sie schon einmal arbeitslos und mussten mit 750,-- € monatlich auskommen, obwohl die monatlichen Fixkosten über die Hälfte ihres Einkommens ausmachen? Arbeit ist ein Gut auf das man schauen soll. Bei Differenzen mit dem Arbeitgeber gibt es Betriebsräte, die diese in Form von Dialogen (nicht Drohungen) aus der Welt räumen müssen. Mein Vater sagte mir vor Jahrzehnten, Bua glaub mir, du gehst sicher einen Tag vor dem Chef vor die Hunde. In Ihr Stammbuch geschrieben: Nur gemeinsam Arbeitnehmer und Arbeitgeber können im Dialog Betriebsprobleme lösen und "ein Zusammenschrauben der Autos durch Konzernbosse" ist sicher keine Lösung. Ich kenne leider 2 Fälle, wo durch die Arbeitslosigkeit und der dazugehörenden Probleme ein Mensch Selbstmord und ein Mensch dem Alkohol verfallen ist. Ist das die Lösung???