Der Generika-Hersteller Sandoz will an seinem Standort im Tiroler Kundl (Bezirk Kufstein) offenbar rund 100 Mitarbeiter abbauen. Man plane die Schließung des Development Centers, das auf die Entwicklung generischer Arzneimittel ausgerichtet ist, bestätigte das Unternehmen der APA einen Bericht der „Tiroler Tageszeitung“ (Freitagsausgabe). Die Maßnahme würde ausschließlich die Entwicklungsorganisation betreffen, nicht hingegen den Antibiotika-Produktionsstandort, wurde betont.
Austausch mit Betriebsrat
Die betroffenen rund 100 Beschäftigten seien über die „geplanten Veränderungen“ bereits informiert worden, hieß es. Derzeit befinde man sich im Konsultationsprozess mit dem lokalen Betriebsrat. „Wir werden alle betroffenen Kolleginnen und Kollegen mit Sorgfalt und umfassenden Unterstützungsangeboten begleiten, um ihnen den Übergang zu neuen Möglichkeiten innerhalb oder außerhalb von Sandoz zu erleichtern“, teilte Sandoz mit. Das Pharmaunternehmen mit Hauptsitz in der Schweiz beschäftigt in Österreich derzeit 2700 Mitarbeiter. Das Development Center in Kundl unterstütze eine „breite Palette an Arzneimitteln und ist nicht ausschließlich auf Antibiotika fokussiert“, hieß es.
Dem Betriebsrat zufolge könnten in Kundl sogar zwischen 170 und 190 Jobs gestrichen werden. Laut den Belegschaftsvertretern soll in zwei Abteilungen Personal gekürzt sowie die aufgelöste Abteilung nach Slowenien und Indien verlagert werden. Die Antibiotika-Forschungsabteilung dagegen bleibe in Kundl. Diese Zahlen wollte das Unternehmen gegenüber der „TT“ weder bestätigen noch dementieren. Gegenüber der APA war man dahingehend für eine Stellungnahme vorerst nicht erreichbar.
Zentrum für Penicilline
Kundl bleibe für Sandoz jedenfalls weiter das strategische Zentrum für Penicilline, was in Europa „einzigartig“ sei, beteuerte die Unternehmensspitze. Die Verantwortlichen verwiesen auf Investitionen in den Produktionsstandort allein in den vergangenen zwei Jahren in Höhe von 200 Mio. Euro. Ebenfalls nicht betroffen sei die kommerzielle Organisation in Wien, die für die Versorgung österreichischer Patienten verantwortlich sei.
Mit scharfer Kritik an Sandoz reagierte am Freitag unterdessen SPÖ-Landeshauptmannstellvertreter und Landesparteivorsitzender Philip Wohlgemuth. „Wenn ein Unternehmen über Jahre hinweg von öffentlichen Förderungen und Investitionen in den Standort profitiert und gleichzeitig hoch qualifizierte Arbeitsplätze ins Ausland verlagert, dann ist das nicht akzeptabel“, wurde Wohlgemuth in einer Parteiaussendung zitiert. Der Standort Kundl sei in den vergangenen Jahren mit erheblichen öffentlichen Mitteln gestärkt worden, erinnerte der Sozialdemokrat. „Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler haben ihren Beitrag geleistet, um den Pharmastandort Tirol zu sichern. Dass nun Entwicklungsabteilungen nach Slowenien und Indien verlagert werden sollen, wirft berechtigte Fragen auf“, spielte Wohlgemuth auf die Äußerungen des Betriebsrats an.
„Wenn Entwicklung ausgelagert wird, schwächt das langfristig den gesamten Standort. Wer heute Forschung verlagert, riskiert morgen auch die Produktion“, erklärte der Landeshauptmannstellvertreter, der „klare Antworten“ des Unternehmens einmahnte. Es brauche „rasch Gespräche zwischen der Konzernleitung, dem Betriebsrat und der Politik“.
Ebenfalls kein gutes Haar am Konzern ließ die Gewerkschaft GPA Tirol. Deren Landesgeschäftsführer Harald Schweighofer sprach von einem „Schlag in die Magengrube für den Standort Kundl und die Wertschöpfung in Tirol“. Auf der einen Seite lasse sich das Unternehmen „für die westliche Welt als Retter des Penicillins und der Antibiotika-Produktion in Europa und Tirol feiern.“ Dabei seien hohe Beträge an öffentlichen Förderungen und Steuergeld von der EU und der Republik Österreich ausgeschüttet worden, stieß Schweighofer ins selbe Horn wie Wohlgemuth. Gleichzeitig gebe es nun die Entscheidung für einen Personalabbau in Österreich und somit auch in Europa. Auch Schweighofer nahm Bezug auf „bis zu 200 Arbeitsplätze“, die abgebaut würden. Der Gewerkschafter forderte von Sandoz ein Commitment zum Standort Kundl und zur Antibiotikaproduktion in Tirol ein. Am wichtigsten sei zudem, dass es wieder eine Arbeitsstiftung für gekündigten Mitarbeiter gebe.
FPÖ kritisiert Bundesregierung
Ebenfalls scharfe Kritik, aber in eine ganz andere Richtung, übte die Bundes-FPÖ. Für den freiheitlichen Gesundheitssprecher Gerhard Kaniak war der im Raum stehende Stellenabbau bei Sandoz „die direkte Folge des wirtschaftlichen Totalversagens der schwarz-rot-pinken Bundesregierung und des politischen Unwillens, den Pharmastandort Österreich abzusichern.“ Kaniak machte eine „wirtschaftsfeindlichen Politik dieser Verlierer-Koalition“ aus. Milliarden würden in „dubiosen NGOs, korrupten Staaten und ideologisch motivierten Projekten“ versickern, während die heimischen Betriebe obendrauf noch durch eine „irrsinnige Sanktionspolitik, die Energiepreis-Explosion und eine außer Kontrolle geratene Inflationspolitik erwürgt werden.“ Es brauche eine „radikale Kehrtwende“: „Sanktionen beenden, Energiekosten senken, Bürokratie abbauen und eine Pharmaoffensive starten.“ Für eine nachhaltige Medikamentenversorgung sei zudem eine grundlegende Reform des Preissystems erforderlich, so der Nationalratsabgeordnete in einer Aussendung.
In eine ähnliche Richtung, wenngleich mit geringerer Schärfe, argumentierte Tirols Ex-SPÖ-Chef und nunmehriger freier Landtagsabgeordneter Georg Dornauer - und damit diametral entgegengesetzt zu seinem Nachfolger und früheren Parteifreund Wohlgemuth. Die Entwicklung dürfe nicht vorschnell allein dem Unternehmen angelastet werden, so Dornauer. Vielmehr zeige sich erneut, dass die Rahmenbedingungen für produzierende Betriebe in Österreich zunehmend unter Druck geraten. Man müsse sich fragen, „ob Österreich noch jene wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bietet, die langfristige Investitionen ermöglichen.“ Dornauer forderte ein „rasches und entschlossenes Handeln von Bund und Ländern: „Diese Entwicklungen müssen ein Weckruf sein.“