Thomas Rettl, Jahrgang 1962, führt das Villacher Modeunternehmen Rettl in fünfter Generation. Als er noch „klein“ war, gab es 30 Schneiderinnen im Unternehmen, wie er sagt. Bei seiner Übernahme des Betriebs 1991 seien es noch ein oder zwei gewesen. „Wir waren ein Handelsbetrieb“, sagt der Unternehmer. Ende der 1990er-Jahre begann er allerdings, eine eigene Produktion aufzuziehen und aus dem Vorbild Schottenrock ein gewinnbringendes Geschäftsmodell zu entwickeln. Rund 10.000 solcher Kilts „made in Austria“ hat er in den vergangenen 20 Jahren verkauft.

„Die größte Herausforderung für unsere Branche ist derzeit eine umwelt- und ressourcenzerstörende Überproduktion – wie bei den Lebensmitteln – wo 50 Prozent ohnehin nicht den Weg zum Verbraucher finden. Am einfachsten ließe sich das durch ,weniger ist mehr‘ ändern.“ Statements dieser Art hört man von Rettl öfter. Für seine in Österreich geschneiderte Mode aus österreichischen Stoffen als Gegenstück zu minderwertiger „Fast Fashion“ suchte er sich kleine Familienbetriebe als Vertragswerkstätten und eine größere Lohnschneiderei in Mureck. Neben 35 Angestellten beschäftigte man auf diese Weise noch zusätzlich 50 Leute, wie er sagt.

„Seid ihr euch sicher, was ihr da tut?“

Als besagte Lohnschneiderei im Vorjahr pleite ging, stand die österreichische Produktion allerdings an der Kippe. Das Know-how der Schneiderinnen, die bereits 20 Jahre für Rettl-Kollektionen gearbeitet hatten, sollte aber nicht verloren gehen. Rettl entschied sich, mit acht der auf dem Arbeitsmarkt freigesetzten Frauen, sieben davon Maßschneiderinnen, alle um die 50 Jahre alt und bei der Arbeit seit Jahrzehnten aufeinander eingespielt, eine neue Produktionswerkstätte zu eröffnen. In einer aufgelassenen Lohnschneiderei im südoststeirischen Dietersdorf/St. Peter fand man die passende Örtlichkeit und startete im vergangenen Dezember mit der „Civil-Schneiderei“. Investitionsvolumen: rund 100.000 Euro. „In der Region gab es früher viele Schneidereien“, erzählt Petra Paar, die die Geschäftsführung für die Produktionsstätte übernommen hat. Heute sind Schneidereien nicht gerade das Erste, an das man beim Stichwort Steiermark denkt. Auch Rettls Steuerberater fragte bei der Planung des Projekts lieber nach: „Seid ihr euch sicher, was ihr da tut?“ An die Öffentlichkeit ging Rettl mit seinem Projekt mit der Überschrift „Eine neue Schneiderei in Österreich? – Ja, das gibt es noch.“

267 Maßschneidereien, 13 Lehrlinge

Die Zahlen zeichnen indes ein anderes Bild von der Schneiderzunft in der Steiermark: Die Hartberger Maßschneiderin Anneliese Ringhofer, Landesinnungsmeisterin für Mode und Bekleidungstechnik, erklärt: „Derzeit gibt es, inklusive ruhender Betriebe, 267 Maßschneidereien in der Steiermark. Hinzu kommen noch 163 Änderungsschneidereien.“ Die Entwicklung sei jedenfalls positiv, die Anzahl gelernter Kleidermacher steigt. „2024 hatten wir auch 13 Lehrlinge in der Steiermark.“ Ringhofer verweist außerdem auf die Landesberufsschule Fürstenfeld, die in Bekleidungsgestaltung und Bekleidungsfertigung sieben Bundesländer beschult. „Zuletzt waren 24 Schüler in der ersten Klasse.“ Und in der Grazer Modeschule gebe es seit dem Vorjahr eine Meisterklasse für die Schneiderkunst.

„Grundsätzlich steigt das Interesse am Nähen und am Handwerk, es gibt eine gewisse Übersättigung an sogenannter Fast Fashion und ein Bekenntnis zu Nachhaltigkeit nach der Devise: Lieber weniger Stücke, dafür hochwertigere“, sagt die Branchenvertreterin. Der Wunsch, die eigene Persönlichkeit mit maßangefertigter Bekleidung zum Ausdruck zu bringen, verleihe der Schneiderkunst ebenfalls Auftrieb. Auch würden viele erkennen, dass Kaufhauskleidung in vielen Fällen nicht mehr die Qualität von früher besitzt.

Meistens EPUs, meistens Frauen

Der Großteil der Schneidereien sind Ein-Personen-Unternehmen – „weil das am einfachsten ist“, wie Ringhofer sagt. Das Gewerbe ist meist weiblich. Ringhofer blickt „sehr positiv“ auf die Zukunft der Branche, „vor allem, wenn es gelingt, sich breit aufzustellen“, zusätzlich etwa Brautmode und Bühnenkostüme anbieten zu können. „Ein fundiertes Grundwissen und die ständige Weiterentwicklung der Techniken sind die Basis.“