Fünf ältere Männer sitzen an einem frühlingshaften Montag im Februar um den langen Holztisch im Nah&Frisch-Geschäft in Kapfenstein. Die Stimmung ist gut, während Milchkaffee und Bier serviert wird, fliegt der Schmäh zwischen den Kunden und den Mitarbeiterinnen hin und her. „Der Nah&Frisch ist das Wichtigste für uns Kapfensteiner. Deshalb geh ich jeden Tag her und trinke zwei Kaffee“, erzählt Raimund Ranftl gut gelaunt.
Doch es ist nicht selbstverständlich, dass dieser Ort existiert. Vor mehr als elf Jahren lief die 1500-Einwohner-Gemeinde Gefahr, ihren Nahversorger zu verlieren, weil sich kein Nachfolger fand. Die ungewöhnliche Lösung: Der Gemeindevorstand gründete einen Verein und betreibt seither den Nahversorger unter dem Namen „Nah&Frisch Unser G`schäft in Kapfenstein“.
Vorbild für Kapfensteiner Lösung kam aus dem Burgenland
„Wir haben uns umgeschaut und sind auf das Geschäft in Strem im Burgenland gestoßen, das ein Verein betreibt. Da gibt es sonst weit und breit keinen Nahversorger, das war eine absolute Erfolgsgeschichte“, erinnert sich Kapfensteins Bürgermeister Ferdinand Groß (ÖVP). Sein Stremer Amtskollege habe bei einer Bürgerversammlung dann so sehr von „seinem Geschäft“ geschwärmt, dass sich die Begeisterung auf die Kapfensteiner übertragen habe.
Also bauten die Raiffeisenbank Region Fehring, die das Gebäude besitzt, der Verein und die Gemeinde das Haus um und eröffneten im November 2014 den Nahversorger mit Bankomat, Postpartnerstelle Tabak-Automaten und Lotto-Toto-Annahmestelle neu. Mehr als 100 Vereinsmitglieder zahlen jährlich zehn Euro Mitgliedsbeitrag, was den Betrieb stützt. „Viele geben mehr, denn die Bürger sehen es als ‚ihr‘ Geschäft. Das Zugehörigkeitsgefühl ist groß“, schildert Groß, der eben auch Obmann des „Vereins zur Sicherung der Nahversorgung in Kapfenstein“ ist.
Trotz Vereinslösung schießt Kapfenstein Geld zu
Trotzdem sei es jedes Jahr eine knappe Partie, sagt der Ortschef. Das Geschäft bestehe nur, weil viele dort einkaufen und die Gemeinde jährlich 10.000 und das Land 15.000 Euro zuschießen. Doch Groß betont den Mehrwert, der Nah&Frisch-Markt sei durch die Kaffee-Ecke vor allem auch ein essenzieller Kommunikationsort und Treffpunkt. „Es ist ganz einfach mein Leben, ich arbeite hier sehr gerne“, schildert es Mitarbeiterin Hanna Kadisch.
Zur Lebensrealität könnte der vereinsbetriebene Nahversorger in naher Zukunft für viele steirische Gemeinden werden. Eine Studie der KMU Forschung Austria zeigt: 411.000 Personen leben österreichweit in Gemeinden ohne lokalen Nahversorger.
Nah&Frisch sieht Vereine positiv
Bei Nah&Frisch hat man bislang gute Erfahrungen mit den Vereinen gemacht, sagt Geschäftsführer Hannes Wuchterl und erklärt: „Das Engagement der involvierten Mitglieder und die Bereitschaft der Kunden einen über eine Vereinslösung oder die Gemeinde ermöglichten Standort auch tatsächlich zu nutzen ist hoch.“ Von aktuell 339 Nah&Frisch-Standorten, werden österreichweit 45 von Vereinen und Gemeinden betrieben. Neun davon finden sich in der Steiermark.
Allerdings bleiben auch Probleme: „Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert“, kritisierte etwa der Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl die Lebensmittelunternehmen. Den Gemeinden kommt damit eine weitere Aufgabe zu, für die viele weder finanziell noch personell Kapazitäten haben.
Großes Interesse an Nahversorger in Kapfenstein
Und auch Groß betont: „Wir sind keine Betreiber.“ Allerdings sieht er kaum andere Optionen, geht der Trend doch dahin, dass Kaufmänner ihre Greißler kaum noch finanzieren können.
So telefoniert Groß monatlich mit mehreren Kollegen, die sein Wissen anzapfen wollen. Besonders wichtig sei das Jausengeschäft ab 6 Uhr in der Früh, der Umsatz aus den Automaten sowie der Bankomat als Frequenzsteigerung, erklärt er dann gerne.