Schwere Schicksalsschläge haben die 41-jährige Julia Kravtschenko geprägt, sie aber nie resignieren lassen. So starb während der Covid-Pandemie ihr Ehemann mit 35 Jahren, mit dem sie einen Fachbetrieb für Glas- und Metallbauteile in Kiew aufgebaut hatte. Nach dem russischen Überfall am 24. Februar 2022 auf die Ukraine musste die alleinerziehende Mutter ihr Leben abermals komplett umkrempeln. Sie floh mit der Tochter aus ihrem Heimatland und landete in Neudau.
Kravtschenko erzählt von der durchlittenen Angst, als die Sirenen warnend heulten und sie mit ihrem Kind im Arm nächtens Zuflucht in einem Schutzbunker suchte. Das dumpfe Grollen der Explosionen hat sie heute noch im Ohr. Besorgt um das Leben ihres Kindes packte sie die notwendigsten Habseligkeiten in ihren Pkw und fuhr zu entfernten Verwandten in die Westukraine.
Über Umwege nach Neudau gelangt
Da der Schatten des Krieges auch dort größer wurde, flüchtete sie kurzentschlossen nach Rumänien. Ihr tatsächliches Ziel war aber Spanien. Dort kannte Kravtschenko einen Instruktor für den brasilianischen Kampf-Tanz Capoeira, ihre große Leidenschaft. Angesichts der langen Wegstrecke, riet ihr dieser, in Neudau einen Zwischenstopp bei einer befreundeten Lehrerin einzulegen. Gesagt, getan.
Aus diesem vermeintlichen Kurzaufenthalt wurde wider Erwarten ein Dauerzustand. Große Dankbarkeit empfindet Kravtschenko noch heute Bürgermeister Wolfgang Dolesch gegenüber, der ihr unbürokratisch eine Wohnung vermittelte. „Meine Überlegung war, von hier aus viel schneller in der Ukraine zu sein“, begründet sie in fehlerfreiem Deutsch ihre Entscheidung für die Oststeiermark.
Auf Heimatbesuch bei den Omas
Seither war Kravtschenko zweimal mit ihrer siebenjährigen Tochter Maria auf Heimatbesuch. Deren zwei Omas hätten mehr als eine Träne der Freude zerdrückt, als sie ihr so sehr vermisstes Enkelkind in die Arme nehmen konnten. Diese starke familiäre Verbundenheit stellt auch den Grund dar, warum die Wahl-Neudauerin nicht definitiv sagen kann, für immer in Österreich bleiben zu wollen, oder nach dem sehnlichst erhofften Kriegsende doch wieder in die Ukraine zurückzukehren. In Kiew wartet auch noch ihre zurzeit leerstehende Eigentumswohnung auf sie.
Mit einem Arbeitsverhältnis hat es in Österreich indes rasch geklappt. Kravtschenko fand eine Stelle als Betreuungsassistentin in der Volksschule Hartberg, wo sie für ein behindertes Mädchen aus der Ukraine zuständig ist. „Das war für mich eine große Hilfe beim Erlernen der deutschen Sprache“, betont sie. Lachend fügt sie hinzu: „Meine Tochter verwendet auch schon den einen und anderen Dialektausdruck.“
Neue berufliche Ziele
Um kein Heimweh aufkommen zu lassen, trifft sich Kravtschenko mit anderen ukrainischen Flüchtlingen im einmal wöchentlich stattfindenden „Familiencafé“ in Hartberg. Es geht auf eine Initiative vom SOS Kinderdorf Pinkafeld zurück und wird von Alina Schneeberger mit beherztem Engagement geleitet. Im „Familiencafè“ tritt Kravtschenko als Tanzlehrerin in Erscheinung. Sie unterrichtet dort mit viel Können und Hingabe Capoeira.
Auch beruflich hat sich die ehrgeizige Kravtschenko neue Ziele gesetzt. So schwebt ihr die Ausbildung zur Physiotherapeutin vor. Bleibt nur ein abschließender Wunsch: „Endlich Friede für die leidgeprüfte Ukraine.“