„Sodala, heute bin ich in Murau bei meiner Unfallstelle. Ich will mich persönlich noch einmal bei dem Baum bedanken, der mir das Leben gerettet hat.“ Mit diesen Worten beginnt ein Video, das Torsten Wagner in den sozialen Medien geteilt hat. Ein halbes Jahr nach seinem schweren Unfall besucht er „jenen Baum, der mir ein zweites Leben geschenkt hat“.

Der Mann aus Tieschen im Bezirk Südoststeiermark ist seit mehr als 20 Jahren Lkw-Fahrer. Routiniert, und dennoch stets achtsam, wie der 50-Jährige erzählt. Bei dem Auftrag vor einem halben Jahr im Bezirk Murau auf einem Forstweg mit starkem Gefälle und engen Kurven sei er hochkonzentriert gewesen. Es geht darum, Material aus einem Steinbruch zu befördern. „18 Mal ist es gut gegangen, beim 19. Mal ist es passiert.“ Beim 19. Mal sei ein Teil des Forstweges weggebrochen. Der Vater von drei erwachsenen Töchtern schildert anschaulich die Situation: Der voll beladene Anhänger rutscht ab, das Führerhaus steigt auf, um dann mitgezogen zu werden. „So will ich nicht sterben! Das war mein einziger Gedanke.“

„Da stand mein Lebensretter“

Das Gelände ist steil, die Baumstämme sind schlank und das Gewicht seines Fahrzeugs samt Ladung beträgt 40 Tonnen. Was soll das Gefährt aufhalten? Der Lkw rutscht ab, aber nur kurz, denn „da stand mein Lebensretter“. Bei einer Fichte genau zwischen Führerhaus und Auflieger bleibt das Gefährt hängen.

Torsten Wagner aus Tieschen
Torsten Wagner aus Tieschen © KK

Natürlich ist Torsten Wagner seinen menschlichen Rettern ebenfalls unendlich dankbar: „Meinen Kollegen als Ersthelfern, Rettung, Bergrettung, Feuerwehr, Polizei und Bergedienst. Danke für euren Einsatz. Danke, dass ihr mich gerettet habt!“

Der gebürtige Tiroler ist angegurtet, hängt kopfüber im Führerhaus. Ein nachkommender Lkw-Fahrer setzt sofort die Rettungskette in Gang und fasst allen Mut zusammen, den Gurt durchzuschneiden. Wagner fällt und verletzt sich beim Aufprall die Schulter schwer. Die Situation ist gefährlich, niemand weiß, wie lange der Baum wirklich hält. „Ich hatte unheimliche Angst“, so Wagner, der sich nach wie vor im Krankenstand befindet.

Mut macht ihm die Information, dass die Ladung aus dem Anhänger gerutscht, Gewicht somit verloren gegangen ist. Dennoch: Damit sich die Einsatzkräfte nicht in Gefahr bringen, müssen sie zuerst das Fahrzeug sichern. „Ich hatte keine Chance und keine Kraft, mich selbst zu befreien.“

Der Lkw wird gesichert, Wagner befreit und ins Krankenhaus eingeliefert: „Ich war unendlich glücklich, dass ich weiterleben darf.“

Video von der Unfallstelle

Später fragt er sich, ob er einen Fehler gemacht hat. „Das hat mich stark beschäftigt, aber die Antwort lautet nein. Es war höhere Gewalt.“ Am Vortag habe es stark geregnet: „Da sind wir gar nicht gefahren. Die Wegkante wurde durch die Nässe wohl aufgeweicht.“

„Mehr als ein Lottosechser“

Mit dem Besuch bei der Unfallstelle will der Mann mit dem breiten Lächeln einen Abschluss finden. „Mir wurde dabei noch einmal bewusst, der Ausgang des Unfalls war mehr als ein Lottosechser!“ Er schätzt, dass es ohne Baum 150 Meter bergab gegangen wäre. Auf der Fichte hinterlässt er eine kleine Dankesbotschaft an alle Beteiligten. Wagner erzählt, dass er zur Aufarbeitung viel über das Geschehene gesprochen habe. Außerdem: „Ich war schon vorher jemand, der versucht hat, jeden Tag zu einem schönen Tag zu machen. Das hat sich seither noch intensiviert.“

Ob er jemals wieder in einen Lkw steigen wird? „Klar, ich fahre sehr gerne, das ist meine Leidenschaft.“ Er freut sich, dass er schon bald wieder für seinen bisherigen Arbeitgeber unterwegs sein darf: „Am 30. März gehe ich es wieder an.“