Sommergespräch aus LeobenVoestalpine-Vorstand Franz Kainersdorfer: „Man verliert die Scheu vor der Welt“

Franz Kainersdorfer ist ein Kind der Region Leoben. Das Vorstandsmitglied der Voestalpine spricht über ein neues Stahllabor in Donawitz und sein Leben als Expat.

Franz Kainersdorfer wurde für fünf Jahre als Vorstandsmitglied der Voestalpine verlängert
Franz Kainersdorfer wurde für fünf Jahre als Vorstandsmitglied der Voestalpine verlängert © Andreas Schöberl-Negishi
 

Nach dem Drahtwalzwerk 2017 wird auch 2018 in Donawitz Neues in Betrieb genommen: Ein „Mini-Stahlwerk“ – was genau verbirgt sich dahinter?
FRANZ KAINERSDORFER: Die minimale Menge einer Stahlsorte, die wir aktuell in Donawitz produzieren können, sind 68 Tonnen. Für die Entwicklung neuer Stahlmarken benötigt man jedoch viel kleinere Mengen. Diese „Versuchsmengen“ können wir nun in unserem „Mini-Stahlwerk“ mit zwei Induktionsöfen produzieren – das sind dann etwa drei bis vier Tonnen Stahl pro Charge.

Werden dafür neue Arbeitsplätze geschaffen?
Das „Technikum Metallurgie“ beschäftigt sieben Mitarbeiter, die neu hinzugekommen sind. Das ist bei 2800 Mitarbeitern am Standort kein besonders großer Zuwachs. Wir schaffen aktuell also nicht unbedingt mehr Arbeitsplätze, aber immer mehr höher qualifizierte.

Es gab vor kurzem eine Meldung vom Wirtschaftsbund, der Facharbeitermangel in der Region sei gravierend. Ist das bei der Voestalpine ähnlich?
Wir bilden den Großteil unserer Facharbeiter selbst aus – und investieren dabei rund 70.000 Euro im Laufe der Ausbildung in jeden Lehrling. Aktuell ist es wirklich schwer, gut ausgebildete Facharbeiter am Markt zu finden. Aber das wird sich wieder ändern, wenn die Konjunktur nachlässt.

Zur Person

Franz Kainersdorfer wurde 1967 in Leoben geboren. Studiert hat er an der Montanuniversität Leoben, seit 1996 ist er bei der Voestalpine tätig. 2011 wurde er in den Vorstand des Konzerns berufen und im Juni 2018 für eine weitere Periode bestätigt.

Aktuell leitet Kainersdorfer die Metal Engineering Division, er war für die Voestalpine aber auch im Ausland, in den Niederlanden sowie in Nordamerika im Einsatz. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

Haben die Strafzölle der USA auf Donawitz konkrete Auswirkungen?
Es ist bekannt, dass die Voestalpine von den US-Strafzöllen auf Stahlprodukte unmittelbar mit maximal rund drei Prozent des Konzernumsatzes – das sind rund 400 Millionen Euro – betroffen sein wird. Auf die Metal Engineering Division entfallen davon bis zu maximal 150 Millionen Euro. Dies betrifft insbesondere unsere Tochtergesellschaft Voestalpine Tubulars in Kindberg. Wir streben seit einigen Monaten Ausnahmeregelungsverfahren an, die zurzeit noch von den US-Behörden bearbeitet werden. Zudem haben wir mit Ende Juni 20 von 1400 Mitarbeitern der Voestalpine Tubulars vorläufig in anderen, umliegenden Voestalpine-Betrieben untergebracht – das ist eine direkte Auswirkung der Zölle. Generell gehen wir davon aus, dass dieser „Spuk“ auch wieder ein Ende nehmen wird.

Die Voestalpine hat nicht nur am Werksgelände einiges erneuert, auch den Stadtteil Donawitz mit- und umgestaltet. Wieso?
Ein Industriebetrieb dieser Größe benötigt einen bestimmten Standard, um von der Umgebung und den Mitarbeitern angenommen zu werden. Da hatten wir Nachholpotenzial. Wir haben daher einen einstelligen Millionenbetrag in die optische Optimierung und Verbesserung der Infrastruktur investiert. Wir haben etwa alte Mietskasernen gekauft und abgerissen, uns an der Sanierung der Straße beteiligt und unsere Fassaden renoviert. Aber auch die Errichtung unseres betriebseigenen Kindergartens sowie ein Mitarbeiter- und Besucherzentrum zählen zu den Maßnahmen. Ich hoffe, dass dies positiv zur Lebensqualität der Menschen, die hier im Stadtteil wohnen, beiträgt.

Sie sind ein Kind der Region. Sie haben die Entwicklung des Standorts mitgestaltet. Verspüren Sie Stolz, da sich der Standort nun gut entwickelt?
Ich würde das eher so sagen: Die wesentlichen Veränderungen, die dazu geführt haben, dass die Voestalpine-Betriebe am Standort heute zu den weltweit führenden zählen, haben meine Vorgänger gesetzt. Die Aufgabe von meinen Kollegen und mir ist es jetzt, diese weiterzuentwickeln, um den Standort langfristig abzusichern. Und das geht nur technologisch. Wir werden die Produktentwicklung stark vorantreiben und unseren Technologievorsprung so weiter ausbauen.

Schmerzt Sie das Bild der „Krisenregion Obersteiermark“, das immer noch herumgeistert?
Es mag ein gewisses Image aus der Vergangenheit noch vorhanden sein. Deswegen war es wichtig, dass wir unseren optischen Beitrag zur Aufwertung der Region leisten. Ich sehe aber, dass wir uns aktuell in einem intensiven Wettbewerb um die besten Köpfe mit der Großregion Graz und Graz-Umgebung befinden. Da hat Graz als Stadt ein durchaus attraktives Angebot. Das müssen wir versuchen wettzumachen. Als Unternehmen sind wir attraktiv, weil wir sehr international aufgestellt sind. Wenn ein Mitarbeiter möchte, kann er bei uns in die USA, nach Australien oder Brasilien gehen. Aber der Zug der Zeit geht leider nicht immer in diese Richtung. Viele junge Leute wollen gar nicht mehr weg – ein leichtes modernes Biedermeier, wie mir manchmal vorkommt. Das gilt es zu überwinden.

Sie waren selbst auch eine Zeit lang Expat.
Ja, ich war fünf Jahre im Ausland. In Summe drei Jahre in den Niederlanden und knapp über eineinhalb Jahre in Nordamerika, in Kanada, den USA und Mexiko.

Und Sie empfehlen diese Erfahrung weiter?
Ich kann das nur empfehlen. Man kann nur davon profitieren, eine andere Kultur kennenzulernen. Und das Wichtigste ist: Man verliert die Scheu vor der Welt.

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