Mit einer Trauersitzung am Dienstag gedenkt der Landtag der Opfer des Amoklaufs des 10. Juni. Nach einer Schweigeminute in der Landstube spricht der 1. Landtagspräsident Gerald Deutschmann. „Den Wahnsinn eines Menschen, der so ein Leid verursacht, wird man nie verstehen. Es ist schwer auszusprechen, aber man wird so etwas nie gänzlich verhindern können. Das Leid wird man nie ganz lindern können.“ Dieser „feige Angriff“, der „Blut- und vermeintlich Rachedurst wird uns noch lange beschäftigen“, so Deutschmann.   Aber Zusammenhalt und Solidarität seien die wenigen Dinge, die Trost spenden können. Man könne nur versuchen, einen „kranken, hasserfüllten Geist nicht wachsen zu lassen“.

„Beginnen wir bei uns selbst“

Landeshauptmann Mario Kunasek, wiederholte, das Grüne Herz weine, „es fällt einem schwer, das Passende auszusprechen“. Er bittet die Angehörigen, Schüler, Zeugen und Helfer: „Nehmen Sie Hilfe in Anspruch.“ Man werde Hilfe anbieten, wie lange das auch dauert.
Für ihn stellten sich viele Fragen: „Was erwarte sich die Steiermark?“ Vielleicht nur „zuhören, da zu sein. Sich Zeit zu nehmen, um innezuhalten, zu trauern.“ Erst dann wären die politischen Ableitungen zu treffen.  

Oft sei von der Rückkehr zur Normalität die Rede. „Welche Normalität wünschen wir uns, jene vor dem 10. Juni?“, stellt er in den Raum. Er sei tief berührt über die Solidarität in und außerhalb der Steiermark. Kunasek bedankt sich für die „menschlich großartige Hilfe“ der Einsatzkräfte und Helfer.

Das Land Steiermark gedachte im Landtag der Opfer des Amoklaufs
Das Land Steiermark gedachte im Landtag der Opfer des Amoklaufs © Land Steiermark

Er habe aber auch die Kommentare auf Social Media gelesen, von der Heroisierung des Täters bis zu tiefem Hass auf diesen. „Was macht das mit jungen Menschen, die das lesen?“ Kunasek bittet, besonders behutsam vorzugehen, auch in der Politik. Seine Partei sei davon nicht ausgenommen. Und er bittet: „Beginnen wir bei uns selbst, hören wir mehr zu. Ein Wort der Zuneigung mehr, ein Ich-liebe-dich, eine Umarmung mehr.“

„Tragen wir den Schmerz gemeinsam“

„Ein Kind gehen lassen zu müssen, ist das wohl das Schrecklichste, was passieren kann“, kommt dann LH-Stv. Manuela Khom zu Wort. Man sei kaum in der Lage, das Ausmaß des Schmerzes zu spüren. Auch sie frage sich, wie man helfen könne. „Gibt es Sicherheit oder sind wir uns nicht sicher?“ Ist die „Datenschutz-Grundverordnung richtig? Was wollen die Kinder?“ Die Politik soll keine vorschnellen Entscheidungen treffen.

„Wir müssen zeigen, dass es uns nicht egal ist. Tragen wir den Schmerz gemeinsam“, ruft Khom auf. Dieser Zusammenhalt dürfe nicht in einer Woche vorbei sein. „Es hilft nichts, das Füreinander zu fordern, aber für das Miteinander nicht bereit zu sein.“ Und „vergessen wir nicht die Opfer, versuchen wir das Licht zu sehen.“   

„Was übersehen wir?“

Im Anschluss sprechen die Klubobleute aller Landtagsparteien: Marco Triller sagt, er denke unaufhörlich an die genommenen Leben. Es bleibe ein Schmerz, der unauslöschlich sei. Es bleibe eine Leere, „die sich nicht mit Worten füllen lässt“. Die Politik dürfe nicht in blinden Aktionismus verfallen, aber auch nicht zur Tagesordnung übergehen. Man werde die Namen und Geschichten der Opfer nicht vergessen.  

„Was übersehen wir, wenn aus Orientierungslosigkeit so viel Wut und Hass wird?“, fragt Lukas Schnitzer. Er betont, man werde mit aller Kraft versuchen, dass Schulen sichere Orte werden und bleiben. Das sei nicht einfach, Freiheit und Sicherheit, ohne die jungen Menschen alleine zu lassen. Es zählen Wachsamkeit, Zusammenhalt, Verantwortung. Schnitzer: „Möge uns das Schreckliche nicht abstumpfen lassen.“

„Unsere Herzen sind gebrochen, aber sicher nicht der Wille, dem Bösen entgegenzustellen“, sagt Max Lercher. Die Steiermark sei auf Seite der Opfer, Familien, Freunde, Schüler und Helfer. Man wolle Lösungen für mehr Sicherheit und ein besseres Miteinander finden. Die „wichtigste Aufgabe ist, für unsere Kinder zu sorgen. Wenn wir ehrlich sind, könnten wir mehr tun, müssen wir mehr tun“, zitiert er Obama.

Sandra Krautwaschl (Grüne)
Sandra Krautwaschl (Grüne) © Land Steiermark

Sandra Krautwaschl erinnert an den „Hauptplatz voller Menschen, an Umarmungen, Tränen, die Verbundenheit und Nähe. Das ist stärker als Hass und Tod.“ Freilich frage sie sich auch: „Was kommt danach?“ In den Wochen und Monaten sei die Würde der Opfer und Angehörigen zu wahren, seien Brücken zu bauen. Man müsse aktiv auftreten gegen Hass und Gewalt. Und da sein für jene, die in ein tiefes Loch zu fallen drohen. „Bitte liebe Regierung, ändern Sie was“, zitiert sie den Schulsprecher des Borg.

„Es gibt Reden, die man nicht halten will und solche, die man nie halten sollte“, so Niko Swatek. Aber „euer Schmerz geht uns alle an“. Er selbst sei heuer zum 2. Mal Vater geworden, aber sein Sohn sei zu früh gegangen. Er kenne diese Leere, ohne vergleichen zu wollen. Swatek spricht direkt notwendige politische Konsequenzen wie strengere Waffengesetze an. Er rügt aber auch Medien: Wer Grenzen überschreite, dürfe nicht länger mit Steuergeld gefördert werden.

Claudia Klimt-Weithaler sagt: „Es schockiert uns, es macht uns ohnmächtig, es ist unvorstellbar.“ Man denke so viel nach, an die getöteten Schüler, die aus dem Leben gerissen worden sind, und an die Lehrerin. Schule müsse ein Ort der Sicherheit sein, kein Sicherheitstrakt. „Wir brauchen Lösungen, aber dafür müssen wir uns Zeit geben“, so Klimt-Weithaler. Und weiter: „Unsere Gesellschaft ist nicht krank, aber es braucht mehr Solidarität und Halt.“  

 1. Landtagspräsident Gerald Deutschmann 
 1. Landtagspräsident Gerald Deutschmann  © Land Steiermark

Im Dom

Am Abend ist das interreligiöse Gedenken mit Vertretern der Katholischen Kirche, der Evangelischen Kirche und der Islamischen Glaubensgemeinschaft (18.30 Uhr, Grazer Dom) angesetzt. Die Trauerfeier wird auch in den Hof der Grazer Burg übertragen. Seitens der Bundesregierung werden die Ministerinnen Eva-Maria Holzleitner und Claudia Plakolm bzw. Minister Gerhard Karner teilnehmen, angekündigt sind auch der Kärntner LH Peter Kaiser, die RH-Präsidentin Margit Kraker und VfgH-Präsident Christoph Grabenwarter.