Was soll man sagen, wenn die Worte eigentlich fehlen? Die Frage schwebt am Sonntagabend über der Gedenkfeier der Stadt Graz. Das volle Ausmaß der Ereignisse von Dienstag wirkt auch mehrere Tage danach surreal, unwirklich und nicht greifbar.
Kein Weg zurück zur Normalität
Bürgermeisterin Elke Kahr ergreift nach Moderatorin Christina Kropf vor 4500 Menschen am Grazer Hauptplatz das Mikrofon. Auch sie ist in den letzten Tagen zwischen Medienterminen und Krisenbewältigung hin und her geeilt. Am Dienstag ist sie selbst mit Schülerinnen und Schülern im Rathaus als sie von der Tat erfährt. Daraufhin macht sie sich auf den Weg in die Dreierschützengasse, am Abend sagt sie – sichtlich mitgenommen –, dass „Waffen lediglich von der Exekutive“ getragen werden sollen.
Am Sonntag gibt es kein politisches Statement, auch Kahr will ihre Trauer nicht verstecken. „In einem Moment wurden nicht nur Familien zerstört, in einem Moment ist Grundvertrauen verloren gegangen“, sagt Kahr. Doch Graz hätte in diesen schweren Stunden und Tagen auch gezeigt, dass man zusammenstehe, das wolle man nun beibehalten. „Wir alle, die das Glück hatten am Dienstag an einem anderen Ort zu sein, können euch den Schmerz nicht nehmen, aber wir stehen bei euch und mit euch“, richtet Kahr ihre Worte direkt an die Angehörigen der Opfer, die sich nichts sehnlicher wünschen, als Normalität. Doch: „Die Normalität hat am 10. Juni niemanden geschützt. Der Traum in einer Welt ohne Hass und Gewalt zu leben, sollte uns als Erinnerung an diesem Tag bleiben und uns Mut machen“, so die Bürgermeisterin.
Politische Gräben verschwinden in diesen Tagen. Staatssekretär Alexander Pröll, der als Vertreter der Bundesregierung angereist ist, meint mit stockender Stimme, dass es „vielleicht nicht einmal darum gehe, die richtigen Worte zu finden, vielmehr gehe es um ein Miteinander, ums Zuhören, ums Anteilnehmen“. Bundespräsident Alexander Van der Bellen lässt über eine Video-Botschaft sagen in einer zugesendeten Videobotschaft: „Der Schrecken lässt uns sprachlos zurück. Aber wir werden Antworten finden: Mehr Liebe, weniger Hass, mehr Hinschauen, weniger Wegschauen, mehr Gemeinsames, weniger Trennendes“. Andere Vertreter der Bundesregierug sind am Sonntag nicht zu hören, Staatssekretärin Barbara Eibinger-Miedl und Justizministerin Anna Sporrer sind anwesend, werden aber nicht sprechen. Sie werden den Appell von Schulsprecher Ennio Resnik hören, der später auf der Bühne stehen wird und sagt: „Bitte liebe Regierung, ändern Sie was.“
Graz wurde binnen weniger Tage von der steirischen Landeshauptstadt zum weltweit bekannten Ort der Trauer. Journalistinnen und Journalisten aus Deutschland, Großbritannien und den USA haben über die schreckliche Tat berichtet, manche haben Grenzen überschritten. Bei der Trauerfeier ist es auf den Presseplätzen still. Das sonst hektische Getippe am Laptop bleibt aus, nahezu geräuschlos wird versucht Notizblöcke zu bekritzeln.
Der Schmerz sitzt tief, die Betroffenheit ist spürbar. Schülerinnen und Schüler des BORG Dreierschützengasse gehen auf die Bühne – der Chor Hib-Art singt „We Are the World“. Tränen kullern nicht über Wangen, sie rinnen. Man steht jedoch gemeinsam hier, umarmt sich, stützt sich. Es sind die Lehren, die man in diesen Stunden zieht: Gemeinsam ist man stärker, gemeinsam überwindet man das schier Unüberwindbare.
Schülersprecher mit emotionaler Botschaft
Schon am Nachmittag hat sich Schulsprecher Ennio Resnik in einem Instagram-Video an die Welt gewandt, auch am Abend schimmert die Aufnahme über die schwarz-umrandete Leinwand. Sein Blick ist klar, seine Stimme stark. Er wolle, dass die Menschen ihm „ins Gesicht sehen und begreifen, was am Dienstag passiert ist“. Resnik dankt den Einsatzkräften, drückt den Familien der Opfer seine Anteilnahme aus. Auch er hat am Dienstag Freunde verloren.
Als Vertreter der nächsten Generation wolle er appellieren, dass die Welt frei von Hass und Gewalt ist. „Egal, ob Muslim, Christ, Jude, Buddhist oder Atheist, egal ob links, rechts oder Mitte, egal ob männlich, weiblich oder divers, ihr seid das Licht der Welt“, sagt Resnik. Die Botschaft zieht sich durch. Die Stimme bleibt stark, auch wenn sie manchmal kurz bricht.
Hier die Rede von Ennio
Die Ereignisse der letzten Tage lassen sich nicht verbergen. Resnik sagt: „Er [Anm. der Attentäter] wollte, dass wir Angst haben, er wollte, dass wir hassen, dass wir auseinandergehen – aber er hat versagt, weil wir lieben können, weil wir stärker sind und weil wir zusammenhalten, komme, was wolle. Wir haben schon gewonnen“.