Es klang nach Science-Fiction – so sehr, dass Bestsellerautor Marc Elsberg die Methode, auf die Graz im Vorjahr bei der Bekämpfung der Tigermücken setzte, sogar für seinen neuesten Thriller aufgriff. Wie berichtet wurden im vergangenen Sommer rund 600.000 Tigermückenmännchen im Labor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA durch Röntgenstrahlen sterilisiert und in einem Testgebiet in Graz freigelassen. Was man hoffte und was anderswo auf der Welt bereits erfolgreich erprobt wurde, glückte auch in der Steiermark: Mit der sogenannten SIT-Methode (Sterile-Insekten-Technik) gelang es, die Schlupfrate und den Bestand der Mücken im Testgebiet zu senken. Die sterilen Männchen paarten sich mit den Weibchen, der Nachwuchs blieb aus. Schon bei der Präsentation der Ergebnisse im Jänner gab man bekannt, dass der Pilotversuch heuer ausgeweitet werden soll. Am Dienstag präsentierten Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer (KPÖ) sowie Eva Winter und Erwin Wieser vom Gesundheitsamt der Stadt Graz nun Details.

Pilotversuch mit sterilisierten Mücken wird ausgeweitet

Angedacht ist demnach, heuer rund zehnmal so viele sterile Mückenmännchen wie 2025 in Graz freizulassen. Sechs bis acht Millionen der Tiere könnten ausgesetzt werden. Zum Zug kommen sollen besonders betroffene Stadtviertel, der Schwerpunkt dürfte dabei im südlichen Stadtgebiet liegen. Bei der Festlegung geeigneter Gebiete setzt man auch heuer wieder auf das Know-how der IAEA. „Außerdem ziehen wir die Daten von Mosquito Alert heran, wo ja jeder die Sichtung einer Tigermücke online einmelden kann“, erklärt Wieser. Im Lauf der warmen Jahreszeit will man kurzfristig auf die Entwicklungen reagieren und die Mücken, für deren Kauf insgesamt rund 150.000 Euro zur Verfügung stehen, möglichst optimal einsetzen. „Die Männchen stechen nicht und die sterilisierten Tigermücken sind nicht verstrahlt“, entkräftete Krotzer erneut jene Sorgen, die rund um das Projekt im Vorjahr wiederholt von Bürgern thematisiert wurden.

Erwin Wieser (Experte für strategischen Infektionsschutz der Stadt Graz), Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer und Eva Winter  (Leiterin des Gesundheitsamts der Stadt Graz) bei der Vorstellung der heurigen Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Tigermücke
Erwin Wieser (Experte für strategischen Infektionsschutz der Stadt Graz), Gesundheitsstadtrat Robert Krotzer und Eva Winter (Leiterin des Gesundheitsamts der Stadt Graz) bei der Vorstellung der heurigen Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Tigermücke © Foto Fischer

Neues Pilotprojekt: Gullys im Fokus

Das SIT-Projekt wird heuer ausgeweitet, gleichzeitig erprobt Graz heuer einen weiteren Hebel im Kampf gegen die schwarz-weiß-gestreiften Plagegeister. In Kooperation mit der Uni Kopenhagen installiert man bei 50 Kanaldeckeln in zwei Straßenzügen das dort entwickelte „ZikaSeal-System“. Es verschließt die Schächte, in denen die Tigermücken gerne ihre Eier ablegen. Regnet es, sorgt das Gewicht des Wassers dafür, dass sich der Verschluss automatisch öffnet und das Wasser abfließen kann. Bewährt sich die Methode, könnte sie langfristig eine andere aufwändige Methode ersetzen, auf die man heuer noch in großem Stil setzt. „Ein Mitarbeiter der Holding Graz ist im Sommer tausende Kilometer unterwegs, um in besonders betroffenen Gebieten das Larvizid BTI in die Gullys zu sprühen, die für die Tigermücken für die Eiablage besonders attraktiv sind“, so Wieser. Ebenfalls heuer neu: Testschulen und Kindergärten werden mit professionellen Fallen ausgestattet, die den Mückenbestand vor Ort dezimieren sollen.

Erwin Wieser mit einer Tigermückenfalle
Erwin Wieser mit einer Tigermückenfalle © Klz / Stefan Pajman

„Offene Gartentüren“ besonders wichtig

Vergleichsweise wenig spektakulär, aber laut Experten auch 2026 umso notwendiger und wirksamer: die Mithilfe der Bevölkerung bei der Bekämpfung der Mücke. „Die Bereitschaft zur offenen Gartentür ist für uns besonders wichtig“, unterstreicht Wieser. Er führt mit Kollegen laufend Haus- und Gartenbesuche durch, potenzielle Brutstätten können dabei oft erkannt und beseitigt werden. Tipps für Präventionsmaßnahmen haben die Experten im Gepäck, nicht überall treffen sie allerdings auf offene Türen, wie sie bedauern.

Derzeit keine Strafen für Uneinsichtige

Graz hat sich seit der Sichtung der ersten Mücke 2021 zum Tigermücken-Hotspot in Österreich entwickelt. „Die Tigermücke ist gekommen, um zu bleiben. Die Veränderung der klimatischen Verhältnisse hat dazu geführt, dass sie sich bei uns sehr wohl fühlt“, erklärt Winter. Nachdem das Insekt nicht nur für juckende Pusteln sorgt, sondern im schlimmsten Fall auch schwere Krankheiten wie das Dengue- oder Chikungunya-Fieber übertragen kann, will man mit dem Maßnahmenbündel, den Bestand zumindest eindämmen. Strafen, wie sie etwa Meran für uneinsichtige Gärtner verhängt, die sich nicht um Prävention kümmern, seien in Graz aktuell kein Thema, versichern die Zuständigen. Anders als in Städten wie etwa Triest ebenfalls nicht geplant: Das großflächige Versprühen von Insektiziden.