Im Hintergrund brennen die Kerzen, die für die Opfer des Amoklaufs in Graz angezündet wurden. Über den Köpfen weht am Mittwochabend die schwarze Trauerfahne am Hauptplatz. Eine junge Frau klammert sich in Tränen an einen älteren Mann. Eine andere kniet schluchzend vor den Lichtern, die Hände fest um eine brennende Kerze geschlossen. Ihre Gesichter zeigen den Schmerz, den die meisten Menschen am Hauptplatz teilen.

Die Grazer Stadtregierung ist zu der Gedenkfeier am Grazer Hauptplatz gekommen, um Solidarität und ihr Mitgefühl zu zeigen. Einer nach dem anderen legen die Politiker elf weiße Rosen nieder, während in der Menge stumme Tränen fließen. Auch der Bundespräsident ist der Einladung gefolgt. Auf die Beine gestellt hat die Gedenkveranstaltung die Muslimische Jugend Österreich. Drei Opfer des Amoklaufs waren muslimischen Glaubens. „Wir möchten ein Zeichen setzen, dass Hass und Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft haben und das können wir sehr gut, wenn wir zusammenstehen“, sagt Initiator Andin Berisha.

„Du warst die Schwester, die ich mir so genau wieder wünschen würde“

Neben der Politik bekommen am Mittwochabend vor allem Betroffene Platz, um sich Gehör zu verschaffen. Einer von ihnen ist Kenan. Seine 15-jährige Schwester Hanna wurde bei dem Amoklauf getötet. „Am gestrigen Tag hatte ich meine Mathe-Matura, ich habe voller Begeisterung darauf gewartet, mit meiner Mutter und meiner Schwester darüber zu sprechen, wie es war“, schildert er. Dann die schreckliche Nachricht: An der Schule seiner Schwester gab es einen Amoklauf.

Auf seine verzweifelte Nachricht erhielt er nie eine Antwort. Nach bangen Stunden folgte für die Familie schließlich die schreckliche Gewissheit. Seine Schwester ist unter den Opfern. „Kaum zu fassen, dass man ein Mädchen, welches so lebensfroh, energisch, neugierig und hilfsbereit war, so früh verlieren muss“, sagt er unter Tränen.

Kenan trauerte auf der Bühne um seine 15-jährige Schwester: „Kaum zu fassen, dass man ein Mädchen, welches so lebensfroh war, so früh verlieren muss“
Kenan trauerte auf der Bühne um seine 15-jährige Schwester: „Kaum zu fassen, dass man ein Mädchen, welches so lebensfroh war, so früh verlieren muss“ © Michael Wappl

Schließlich richtete er auf der Bühne Worte an seine verstorbene Schwester: „Ich danke dir für die 15 Jahre, die ich mit dir erleben durfte, für die Nerven, die ich verloren habe, aber auch für das dadurch entstandene Gefühl von Liebe und Anhänglichkeit, das ich gewonnen habe. Du warst die Schwester, die ich mir so genau wieder wünschen würde. Wir vermissen dich und lieben dich und hoffen, dass so etwas keiner mehr erleben muss.“

Ältere Schüler halfen jüngeren bei der Flucht

Den Anschlag in der Schule miterlebt hat Fatlume. Sie besucht die 7. Klasse im BORG Dreierschützengasse. „Gestern war für uns ein ganz normaler Schultag, wir saßen im Unterricht, haben gelernt, gelacht, dann plötzlich lauter Lärm, ich dachte, es wäre eine Baustelle, aber mein Bruder war sich sicher, das sind Schüsse. Wir dachten, das kann nicht sein“, erzählt die Schülerin.

Doch dann ging alles ganz schnell: „Plötzlich haben wir verstanden, wir müssen raus über den Schulhof. Wer konnte, sprang über den Zaun, es gab nicht genug Platz für alle, manche sind durch den Haupteingang um ihr Leben gerannt, andere haben geholfen“, schildert sie die schrecklichen Minuten. „Wir waren die Ältesten, wir haben versucht, die Jüngeren zu beschützen.“

In einem Supermarkt fanden sie schließlich Sicherheit, konnten für einen Moment durchatmen, ehe es für sie weiter in die Helmut-List-Halle ging. „Das Warten hat sich angefühlt wie eine Ewigkeit, die Ungewissheit kaum auszuhalten, Panik, Tränen, Angst“, erzählt sie. Handys hatten die meisten nicht, so gut wie möglich, versuchten dennoch alle ihre Familien zu erreichen. „Ich war zwar in Sicherheit, aber ich konnte nur an die Schülerinnen denken, die noch in der Schule waren“, sagt Fatlume.

Als sie gegen 16 Uhr schließlich als eine der letzten die Halle verließ, hat sich vor allem ein Bild in ihrem Kopf eingebrannt: „Ich werde nie vergessen, wie Polizistinnen geweint haben, erst als ich aus dem Bus ausgestiegen bin und gesehen habe, wie alle Eltern warten, habe ich realisiert, was wirklich passiert ist. Die Eltern standen draußen und haben gehofft, dass ihre Kinder leben und manche haben vergeblich gehofft.“

Ein Schüler, mit dem sie noch kurz zuvor im islamischen Religionsunterricht saß, ist unter den Opfern. Ihr Zwillingsbruder hat einen seiner besten Freunde verloren. „Ich trage diese Schicksale ab heute mit mir, sie sind ein Teil von mir, von uns, von unserer Schule“, sagt sie. Dennoch wolle sie nicht zulassen, dass dieser schwarze Tag sie zerreißt. „Was dieser Täter wollte, war Hass, Zerstörung und Angst, unsere Antwort darauf ist Liebe, Hoffnung und Zusammenhalt. Er wollte Hass säen, aber wir pflanzen Menschlichkeit.“

Wenn man das Waffengesetz ändern müsse, „werden wir das tun“

Auch die Politik kämpft bei den Reden mit den Tränen. „Wir merken, dass unsere Gesellschaft nicht perfekt ist, es ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen, aber es zeigt, dass wir noch viel aufzuholen haben“, sagt Bürgermeisterin Elke Kahr.

Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen verleiht auf der Bühne seiner Fassungslosigkeit Ausdruck. „Jetzt einen Tag danach, mit jeder Stunde die vergeht, realisieren wir erst, was für ein Horror sich ereignet hat, mitten in unserer Heimat, erst jetzt wird langsam klar wie furchtbar es ist und war, die Kinder, die Jugendlichen, die Lehrerin sind brutal getötet worden. Knapp vor dem Schulschluss gehen neun Kinder in die Schule und kommen nicht zurück“, sagt der Bundespräsident.

Nun stehe vor allem die Suche nach dem Warum im Vordergrund. „Wie um Himmelswillen konnte es passieren, dass sich ein 21-Jähriger zum Herren über Leben und Tod macht und wahllos Kinder umbringt“, sagt Van der Bellen. Daher sei es nun die Devise, alle Umstände in Erfahrung zu bringen. „Aber auch wenn wir alle Umstände dieses Blutvergießens in Erfahrung bringen können, wird diese Tat dadurch nicht erträglicher.“

Es sei die Aufgabe der Politik, die Umstände der Bluttat lückenlos und zweifelsohne zu klären, um alles Menschenmögliche zu tun, um solch unermessliches Leid für die Zukunft abzuwenden. „Wenn wir zu dem Schluss kommen, das österreichische Waffengesetz muss geändert werden, um für mehr Sicherheit zu sorgen, dann werden wir das auch tun“, versicherte er und erntete dafür Applaus. Auch er richtete sein Wort noch an die Opfer: „Wir werden euch nie vergessen.“