Zum fünften Mal in Serie lagen heuer vier Eier in der Nistnische der Grazer Wanderfalken am Turm der Herz-Jesu-Kirche. Eingerichtet hat die Kinderstube für die Tiere, die in den letzten Jahrzehnten auch die Städte als Lebensraum erobert haben, der Grazer Ornithologe, Fotograf und Filmemacher Leander Khil. „Inge und Ivica sind ein extrem produktives Paar, sie haben für die Arterhaltung der Wanderfalken Großes geleistet“, unterstrich Khil als das Paar heuer wieder zu brüten begann. Vogelfreunde freuten sich schon auf die ersten tollpatschigen Flugversuche des Falkennachwuchses, die vom Boden aus Ende Mai zu beobachten sind.
Weibchen verschollen
Es sollte anders kommen. Wenn Khil, der derzeit in der georgischen Steppe Rosenstare und Brachpieper aufspürt, am kommenden Dienstag seinen angekündigten Vortrag zum Thema „Artenschutz auf der Herz-Jesu-Kirche“ hält, wird er nicht nur gute Nachrichten mitbringen. Wer laufend per Webcam einen Blick in den Nistkasten wirft oder Khil auf Facebook folgt, weiß es freilich schon längst: Ein anderes Weibchen hat sich im Revier breit gemacht. Inge ist verschwunden, die Vermutung liegt nahe, dass sie Revierkämpfen zum Opfer fiel.
Nur noch zwei Küken im Nest
Jagen die Elterntiere sonst abwechselnd, ist das Wanderfalken-Männchen nun auf sich allein gestellt. Der Eindringling betätigt sich zudem als Beuteklau. Vogelfreunde bangten in den letzten Tagen um das Leben der Jungtiere. Zwei Küken, die so schwach waren, dass sie kaum noch Lebenszeichen von sich gaben, wurden letztendlich aus dem Nistkasten geholt. Ob heuer überhaupt Jungvögel durchkommen, wird sich erst zeigen.
Livebilder: Fluch und Segen
Ohne Kamera, die seit dem letzten Jahr Live-Bilder und seit heuer auch Töne aus dem Falkenkinderzimmer liefert, bekäme freilich niemand etwas davon mit. Die Kamera ist „Segen für Umweltbildung und Wissenschaftskommunikation, weil zahlreiche Menschen an einem Naturschauspiel teilhaben können, das sonst völlig verborgen bleibt“, unterstrich Khil in einer ersten Einordnung der Ereignisse. Sie sei aber auch „ein Fluch, weil in der Natur laufend Dinge passieren, die nicht schön anzusehen sind und manche Menschen den ungeschönten Lauf der Natur oft nicht sehen wollen“, so der Ornithologe.
Live: Der Brutplatz auf Youtube
Erfolgreiches Artenschutzprojekt
Dass Tierliebhaber an dem Schicksal der Vögel großen Anteil nehmen, zeigen die Reaktionen auf Facebook. Uneinigkeit herrscht darüber, wie sehr der Mensch in den Lauf der Natur eingreifen sollte. Ein widersprüchliches Thema, das am Dienstag sicher zur Sprache kommt. Genau wie die Zwischenbilanz des Artenschutzprojekts, die trotz der aktuellen Entwicklung positiv ausfällt. Gleich vier Tiere, die in Graz geschlüpft sind, wurden heuer in neuen Revieren gesichtet. Eines brütet aktuell bereits mit seiner Partnerin in einer Felswand nördlich von Graz.