Während ihr Blick zwischen den schokoladigen Musterexemplaren und den vorbereiteten Verkaufstorten pendelt, scheinen die Gedanken zu rasen. Geht sich das überhaupt aus mit Poststempel, Osterfeiertagen und so? Die Antwort auf ihre Frage, wie lange der weltberühmte Genuss frisch bleibt („Zwei Wochen lang“), scheint die Zuversicht der Kundin dann endgültig schmelzen zu lassen. „Die Torte soll nämlich in die Schweiz gehen!“. Als süßer Gruß aus Graz, je nach Größe zwischen 47 und 77 Euro teuer. Neuerdings jedoch mit extremen Bitternoten.
Denn das Café Sacher in der Grazer Herrengasse schließt für immer seine Pforten. Nach 22 Jahren. Heute, Donnerstag, ist zum letzten Mal der hintere Bereich geöffnet, am morgigen 18. April kann man noch einmal im vorderen Areal Platz nehmen. Mit Blick auf die Herrengasse, die beinahe täglich Touristen abrupt bremsen und hier einkehren ließ. Vor allem Gäste aus Deutschland und Italien – unterm Strich war es aber dennoch troppo poco, zu wenig. „Wir sehen keine Chance auf eine positive Fortführung“, nannte Sacher-Geschäftsführer Matthias Winkler wirtschaftliche Beweggründe, als er im Februar der Kleinen Zeitung das Adieu bestätigte.
Also liegt an diesem Mittwoch, zwei Tage vor dem endgültigen Feierabend, viel Wehmut in der Luft. Sowohl beim Personal als auch bei den Gästen. Viele sind gekommen, um noch einmal auf den samtroten Bänken mit dem eingearbeiteten „S“ Platz zu nehmen. So auch Sibylle und Wolfgang Hoppe: „Wir sind aus dem Waldviertel, haben jetzt zwei Nächte in Graz verbracht und mussten unbedingt noch einmal ins Sacher.“ So wie immer, wenn sie in der Murmetropole vorbeischauen. Und wie immer bestellen sie Sektorange. Dass es das künftig nicht mehr spielt, setzt ihnen gehörig zu. „Es wird uns fehlen.“
Kaum noch „echte Kaffeehäuser“?
Silvia Klampfl, die direkt hinter ihnen sitzt, geht es genauso. Die Grazerin, Stammgast im Sacher, hat zum Abschied ihre Nichte Katharina Spuller mitgebracht. „Ich bin zum ersten Mal hier“, meint diese. „Und zum letzten Mal“, ergänzt die Tante sofort. Seufzend, weil es halt auch in der steirischen Landeshauptstadt immer schwieriger sei, „ein echtes Kaffeehaus in dieser Form zu finden“. Legt auch die Nichte darauf wert? Oder ist so ein Lokal mit Samtbezügen und Reminiszenz an die 140-jährige Geschichte eigentlich nicht ihr Kaffee? Spuller, 29 Jahre jung, gesteht: „Vielleicht nicht direkt. Aber ich muss zugeben, ich finde es sehr schön hier.“
Dabei war es gerade diese Grazer Melange aus klassischem Café und Barbereich vorne – gar eine Premiere im Haus Sacher –, mit deren Hilfe man „ein jüngeres Publikum“ ansprechen wolle, „das vielleicht nicht gerade zu unseren Stammgästen zählt“: So beschrieb es Junior-Chefin Alexandra Gürtler, als im Kulturhauptstadtjahr 2003 in der Grazer Herrengasse der Vorhang hochging. Dass er nun fällt, schmerzt auch Laura Gartner, seit 15 Jahren im Sacher beschäftigt. Und ihren Kollegen Rainer Sommer-Schraußer, gar seit 21 Jahren hier. „Es war immer eine klasse Arbeit. Superkollegen und tolle, niveauvolle Gäste.“
Was aus den Räumen passiert, die der Stadt Graz gehören, ist noch offen. Längst laufen Gespräche, sogar internationale Gastronomen haben schon im Rathaus ihr Interesse bekundet. Gut möglich, dass auch nach der Entscheidung bei manchen Wehmut bleibt weil diese länger hält als zwei Wochen lang.