Es sind Themen, die nicht erst seit gestern für Kopfzerbrechen sorgen: In bester Lage stehen Geschäfte in der Grazer Innenstadt leer. Auf Rekorde bei den Innenstadtbesuchern im Advent folgte Ernüchterung: Frequenzmessungen ergaben zuletzt, dass vor allem die Jungen weniger häufig die Innenstadt ansteuern.
Was läuft falsch? Läuft überhaupt etwas falsch? Darüber gehen bei den Grazern, aber auch in der Stadtpolitik die Meinungen auseinander. Während die einen auf mehr Grün und Platz für Fußgänger und Radfahrer setzen, sehen die anderen in der Reduktion von Parkplätzen und den aktuellen Großbaustellen einen Todesstoß für die Innenstadtwirtschaft.
All das soll bei der großen Podiumsdiskussion um die Grazer Innenstadt diskutiert werden können, zu der die Kleine Zeitung am Donnerstag lädt. Am Podium: Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne), Wirtschaftsstadtrat Günter Riegler (ÖVP), Handelsberater Martin Berghofer (Österreich-Chef von BBE) sowie der Innenstadt-Händler Peter Linzbichler. Im Anschluss daran, ist das Publikum eingeladen, mitzudiskutieren.
Die Murpromenade bespielen
Simon Lackner, Café Kaiserfeld: „Dass es der Innenstadt nicht rosig geht, ist Fakt, man braucht sich nur die Leerstände anzuschauen. Aber ich halte es für falsch, bloß der Politik die Schuld daran zu geben, es geht ja vielen Städten in Europa derzeit so. Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass sich alle Beteiligten selbst hinterfragen müssen: Bei den Eigentümern jener Flächen, die so extrem lange leer stehen, könnte die Politik sicher mit einer Leerstandsabgabe nachhelfen. Bei den Unternehmern und den Gastronomen wiederum kommt es mehr denn je auf Individualität an, gerade das macht ja das Grazer Zentrum aus, dass unterschiedliche Betriebe für einen speziellen Charme sorgen. Und die Politik muss nicht nur das Parkplatzproblem lösen, etwa mithilfe einer Kooperation mit Garagenbetreibern: Nach dem Vorbild anderer Städte muss auch endlich
die Murpromenade entsprechend bespielt werden.
Erreichbarkeit auch für Kunden aus dem Umland
Edith Seitinger, Herzl Weinstube: „Zweifellos hat sich die Grazer Innenstadt verändert. Auf vielen Plätzen war den letzten Sommer über ab 22 Uhr nichts mehr los, das hätte es früher nicht gegeben. Und es kommt auch nicht von ungefähr, dass es nur mehr so wenige Wirtshäuser wie unseres gibt, überall hast du nur noch Bowl-Lokale und Pizzerien. Aber uns gibt es schon lange und das ist keine Selbstverständlichkeit, du musst viel dafür tun, der Großteil unserer Mitarbeiter ist schon viele Jahre bei uns. Die Parkplatzproblematik trifft unser Lokal zum Glück nicht wirklich, aber ich kann verstehen, wenn sich andere da endlich eine Lösung erhoffen, gerade wenn es um Kunden aus dem Umland geht.“
Mehr Bäume, Sitzbänke, Gastgärten
Hélène Reiter-Viollet, Chic Ethic am Tummelplatz“: „Drei Jahre Rezession und die Konkurrenz des Onlinehandels sind ein globales Thema und kein Grazer Phänomen, aber natürlich setzt beides auch in Graz uns stationäre Händler stark unter Druck. Graz hat mit seiner historischen Innenstadt ein super Potenzial. Meiner Ansicht nach muss die Qualität des öffentlichen Raums weiter gestärkt werden, damit die Leute gerne durch die Stadt flanieren und hier Zeit verbringen. Die Stadt muss ein ‚Erlebnisraum‘ sein, damit sie konkurrenzfähig ist. Es braucht Bäume, Sitzbänke, Gastgärten. Natürlich muss es für alle möglich sein, die Innenstadt zu erreichen, aber es muss nicht jeder mit dem Auto bis zur Herrengasse fahren. Ich höre immer wieder, dass es in den Tiefgaragen rund um die Innenstadt genügend Plätze gibt. Je mehr Platz es zum Flanieren gibt, desto besser.“
Einmal monatlich Bus und Bim zum Nulltarif
„Also ich bin der Letzte, der für alles nur die Politik verantwortlich macht“, sagt Hauptplatz-Juwelier Klaus Weikhard. Auch macht er nicht alles an der Parkplatzfrage fest: „Aber das Thema Erreichbarkeit ist und bleibt für den Handel in und ganz allgemein für eine belebte Innenstadt von großer Bedeutung. Wir haben ausreichend Tiefgaragenplätze rund um die Innenstadt, aber Baustellen und das Stauaufkommen ganz allgemein schrecken viele davon ab, hereinzukommen.“ Der Juwelier hofft auf neue Ideen, „wie wir den Online-Handel einschränken und die Innenstädte beleben können.“ Eine Möglichkeit: „Einmal im Monat Bus und Bim zum Nulltarif anzubieten, um die Menschen in die City zu bringen.“ Seine Hoffnung: Dass das „Rathaus auch wieder mehr Events ermöglicht, um für mehr Leben in der Innenstadt zu sorgen.“ Natürlich seien Hausbesitzer, Kaufleute und Gastronomen auch gefordert, einen guten, ausgewogenen Branchenmix anzubieten. Weikhard fordert auch, dass man durchaus auch mit Experten an neuen Zukunftskonzepten arbeiten solle.
Parkleitsystem und professionelles Leerstandsmanagement
Erwin Sacher, Händlerinitiative “Echt Graz„: “Das Stimmungsbild, das die Grazer Innenstadt derzeit abgibt, trübt sich ein. Da ist auch das Hin und Her in der Politik nicht gerade hilfreich, im Gegenteil: So ein Bild beeinflusst das Verhalten der Menschen zum Teil nachhaltig. Also müssen wir Brücken schlagen und gemeinsam gegensteuern, angefangen bei der Parkplatzproblematik: Es fehlt nicht nur ein Parkleitsystem in Graz, wir brauchen auch mehr Park&Ride-Anlagen an den Stadteinfahrten mit guten Öffi-Anbindungen. Vor allem aber brauchen wir eine neue Ausrichtung für das städtische Citymanagement, das im Idealfall nicht nur das Leerstandsmanagement in die Hand nimmt, sondern auch auf den guten Branchenmix achtet. Gerade dieser macht neben den Gratisparkmöglichkeiten die Attraktivität der Einkaufszentren aus.