Horizontale Tore, vertikale Tore, verzögerte Tore, Drehstangen, Haarnadeln, Querfahrten ... einen feinen Slalomkurs für den Weltcup zu stecken, ist eine Wissenschaft für sich. Verantwortlich für die Anordnung im Stangenwald ist der Kurssetzer, der sich im Rahmen der Internationalen Skiwettkampfordnung (IWO) der FIS frei entfalten darf. Früher wurde schon zu Saisonbeginn festgelegt, welche Nation welchen Durchgang kreiert. Diese Regel wurde geändert, und mittlerweile fällt die Entscheidung eine Woche vor dem Rennen. Trotz der Vorgaben der FIS haben die Trainer einen großen Handlungsspielraum, um zu komponieren. „Jeder Trainer hat seine eigene Handschrift“, sagte Michael „Mike“ Pircher, „wichtig ist es, dass man dem Gelände angepasst steckt.“ Es ist von der FIS auch gewünscht, dass der Lauf nicht monoton ist und Rhythmuswechsel drin sind, um es für die Zuseher spannend zu machen.“ Den Hang auf der Planai kennt er wie seine Westentasche und er lässt viel Fantasie zu. „Hier kannst du dich brutal austoben, weil der Hang kaum ein Gelände aufweist, wie etwa in Kitzbühel. Das ist eine Autobahn.“

Die Strecke beim Slalom muss bei den Herren einen Höhenunterschied vom Start bis ins Ziel von 180 bis 220 Metern aufweisen. Bei den Damen sind es 140 bis 220 Höhenmeter. Und dann beginnt die Rechnerei, denn in Punkt 801.2.4 ist geregelt, dass die Anzahl der Richtungsänderungen 30 bis 35 Prozent der Höhendifferenz entsprechen muss– plus/minus drei Richtungsänderungen. Dem nicht genug, muss der Abstand zwischen den Toren – abwechselnd sind es rote und blaue – sechs bis 13 Meter betragen. Aus diesem Grund ist Pircher bei Slaloms mit einem Rollmeter und bei Riesentorläufen mit einem Lasermesser ausgerüstet. „Hin und wieder ist es schon interessant, Passagen knifflig zu setzen“, sagt der Steirer, der Lucas Pinheiro Braathen betreut. Dem Brasilianer attestiert er ein ungemeines, taktisches Talent, einen Lauf und das Gelände (bei der Besichtigung) lesen zu können. In Schladming wird der Kurs für den ersten Lauf zu Mittag gesteckt, für den zweiten bleiben dann nur 20 bis 30 Minuten Zeit. Im Vorjahr pflanzten Fabien Munier (FRA) und der Ramsauer Christian Mitter (NOR) im ersten und zweiten Slalomdurchgang jeweils 63 Tore (61 Richtungsänderungen) in die eisige Piste. Die Kippstangen werden bis zum Gelenk in das Eis geschraubt. Der Höhenunterschied beträgt auf der Planai vom Slalomstart zur Ziellinie 214 Meter.

LEVI,FINLAND,17.NOV.24 - ALPINE SKIING - FIS World Cup, slalom, men. Image shows Lucas Pinheiro Braathen and coach Michael Pircher (BRA). Keyword: inspection.
Photo: GEPA pictures/ Harald Steiner
Lucas Pinheiro Braathen und Trainer Michael Pircher © GEPA pictures

Doch sind die Abmessungen nicht die einzigen Regeln, an die sich ein Kurssetzer zu halten hat. So soll der Kurs „die schnelle Ausführung aller Schwünge zulassen. Die Strecke darf keine akrobatischen Anforderungen stellen, die mit der gewöhnlichen Skitechnik nicht vereinbar sind.“ Die Schwierigkeit des Laufes, der eine flüssige Fahrt ermöglichen soll, muss dabei dem Durchschnittskönnen der ersten 30 Wettkämpfer entsprechen. Die Weltbesten sind meist in der Lage, die Kurse zu meistern, sagt Pircher, „aber man kann es auch auf die Spitze treiben.“ Dass Trainer nach den Präferenzen ihrer Fahrer stecken, liegt auf der Hand, auch wenn das Gelände und die FIS sehr viel vorgeben.

Ein entscheidender Faktor ist, bei welchem Schwung der Athlet den besseren Außenski fährt – links oder rechts. Bei Marcel Hirscher sei ihm das mitunter gelungen, den Lauf zurechtzuschneiden. „Wenn man einen Athleten hat, ist es einfach. Aber wenn man eine Gruppe betreut, ist es ohnehin nicht möglich, für alle zu stecken“, sagt er und erzählt, dass auch ihm nicht immer ein Lauf gelingt. 2014 in Lenzerheide holte Hirscher zwar den Sieg vor Felix Neureuther und auch die Slalomkugel, aber „der Lauf war wirklich hässlich zum Anschauen und keine Werbung für den Sport. Das würde ich heute nicht mehr machen“. Berühmt-berüchtigt war Ante Kostelić. Er forderte die Athleten mit den wildesten Läufen.

Beim Riesentorlauf (Höhenunterschied Herren 250 bis 450 Meter) hingegen dürfen die Tore nicht näher als zehn Meter zueinander gesteckt werden, und die Anzahl der Richtungsänderungen beträgt 11 bis 15 Prozent der Höhendifferenz. Auch da sind die Variationen mannigfaltig. „Der Zeitunterschied zwischen zwei Läufen kann bis zu zehn Sekunden betragen, je nachdem, wie drehend der Kurs gesteckt wird“, sagt Pircher.