Der Blick aus dem Bürofenster ist besser als jedes Fernsehprogramm: Natur pur, die Haller Mauern zum Greifen nahe. Kein Lärm, kein Großraumbüro, kein Chef im Nacken. Wenn Martin Rattensberger im Sommer mit dem Laptop auf der Terrasse sitzt und Prozessanalysen für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz erledigt, ist das ein Bild, das er sich vor einigen Jahren so nicht erträumen konnte.

Aufgewachsen ist der heute 45-Jährige im Pinzgauer Ort Niedernsill. Nach der Matura studierte er in Salzburg angewandte Informatik mit Schwerpunkt „Human Computer Interaction“ und ersten Berührungspunkten zur künstlichen Intelligenz. Fertig studiert hat er nicht; er wandte sich lieber gleich der praktischen IT-Arbeit zu. Was er mitbrachte, war ein ausgeprägtes Gespür für Daten.

Seit 20 Jahren in der Branche

Es folgten über zwei Jahrzehnte in der IT, quer durch verschiedene Branchen: Autoersatzteilhandel, intensivmedizinische Dokumentationssoftware, zuletzt Datenbankbetreuung für fast alle größeren Krankenhausverbünde Österreichs. 2009 zog er der Liebe wegen ins Ennstal und bekam beim Benediktinerstift Admont eine Stelle. Neun Jahre später wechselte er als Datenbankentwickler in ein Unternehmen, in dem er zum Bereichsleiter aufstieg. 2023 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit.

Den Einstieg machte ein Datenbankprojekt für eine Kontrollstelle im Biobereich. KI war zu Beginn der Unternehmertätigkeit noch kein Thema. Das änderte sich, als Rattensberger erkannte, dass hier ein Markt entsteht, in dem kaum jemand agiert, der auf mehr als zwei Jahrzehnte praktische IT-Erfahrung verweisen kann. Das erkannte er als Chance. Er suchte eine Ausbildung mit Substanz, fand eine Kooperation zwischen einem spezialisierten Institut und dem TÜV Rheinland und bestand schließlich eine dreistufige Prüfung. Seither darf er die Berufsbezeichnung „Zertifizierte Person mit Prüfzeichen AI Consultant mit TÜV Rheinland geprüfter Qualifikation“ führen — laut einem öffentlich einsehbaren Verzeichnis als einer von nur zwei in der Steiermark und gerade einmal sieben in Österreich.

Was nervt hier eigentlich?

Sein Kerngeschäft ist nicht das Aufsetzen von KI-Systemen nach Schema F, sondern die Analyse von Abläufen, die oft der Frage nachgeht: Was nervt hier eigentlich? Ein konkretes Beispiel: Bei einem deutschen Unternehmen im Bereich Mobilfunk landeten täglich hunderte Support-E-Mails im Posteingang, die ein kleines Team mühsam sortierte und zuteilte. Rattensberger und sein Partner ließen KI die Anfragen klassifizieren, automatisierten die Weiterleitung und glichen eingehende Nachrichten automatisch mit dem Kundenstamm ab. Ergebnis: bis zu sieben Stunden Arbeitsersparnis täglich. Entlassungen gab es keine.

Das ist für Rattensberger kein Zufall, sondern Methode. Er will keine Stellen wegrationalisieren, sondern die lästigen Teile eines Jobs automatisieren. „Arbeiten, die nerven, soll die KI übernehmen. Dann bleibt mehr Zeit für Aufgaben, die Spaß machen“, sagt er. Im Falle des deutschen Unternehmens haben die Mitarbeiter die KI-Einführung begrüßt und kommen seither immer wieder aktiv mit Verbesserungsideen auf ihn zu. Aus Betroffenen wurden Mitgestalter.

Expansion, aber Admont bleibt

Rattensbergers Unternehmen hat neben ihm eine fixe Mitarbeiterin und einen geringfügig Beschäftigten. Zusätzlich wurde vor Kurzem eine GmbH gegründet. Die Auftragslage wächst schneller, als sie das kleine Team derzeit bewältigen kann – kein Wunder also, dass der KI-Berater über Expansion und neue Mitarbeiter nachdenkt. Die Aussicht aus seinem Bürofenster in Hall bei Admont, die wird er deswegen aber auf keinen Fall eintauschen.