Viel wird derzeit über Handyverbote in Schulen und Altersgrenzen für Soziale Medien gesprochen – dabei gerät leicht aus dem Fokus, dass das „Problem Smartphone“ schon viel früher beginnt. Beim Spielen am Wohnzimmerboden, bei den ersten Löffelchen des Kleinkindes, am Spielplatz: Das Smartphone ist immer dabei und kann die Aufmerksamkeit der Eltern, der engsten Bezugspersonen, weg vom Kind, hin zum Bildschirm lenken. Hebamme Anna Maria Rath beschreibt das so: „Wir erleben es oft schon im Kreissaal, dass Smartphones ständig präsent sind und ablenken. Und auch danach, beim Stillen oder Spazierengehen nutzen frisch gebackene Eltern das Handy weiterhin ständig und unreflektiert.“ Dabei zeigen Studien bereits, dass die Smartphone-Nutzung der Eltern schon bei Säuglingen zu Stress führen kann.
Gerade bei Babys denken sich Eltern vielleicht: „Sie kriegen eh nicht mit, wenn ich aufs Handy schaue.“ Dass das nicht stimmt, haben zum Beispiel Untersuchungen der Psychologin Antonia Dinzinger von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzburg gezeigt: Wird die Interaktion zwischen Mutter und Baby unterbrochen, weil die Mama aufs Handy schaut, löst das beim Baby Stress aus. Die Herzfrequenz erhöht sich, die Mimik verändert sich, die Babys versuchen durch Laute auf sich aufmerksam zu machen. „Durch die ständige Handynutzung kann es passieren, dass Kinder mit ihren Bedürfnissen von Anfang an übersehen werden“, sagt Hebamme Rath.
Probleme beim Sprechen durch zu wenig Aufmerksamkeit
Auch Logopädinnen und Suchtexperten machen auf das Problemfeld „Eltern am Handy“ aufmerksam: Barbara Meixner von Vivid, der steirischen Fachstelle für Suchtprävention, erklärte dazu: „Wir können uns wohl alle vorstellen, was es mit dem Selbstwert macht, wenn ein Kind das Gefühl hat, ich stehe in Konkurrenz zum Handy, ich werde nicht gesehen.“ Außerdem können Kleinkinder Sprache nur über das gemeinsame Sprechen erlernen: Der Berufsverband der Logopädinnen und Logopäden zeigte kürzlich auf, dass immer mehr Kinder Probleme beim Sprechenlernen haben. Der Hauptgrund dafür sei zu viel Bildschirmzeit und zu wenig Kommunikation und direkte Ansprache von ihren engsten Bezugspersonen, weil diese ständig am Handy hängen. Dadurch verpassen Kinder wichtige Entwicklungsschritte im Spracherwerb.
Forderung: Mediennutzung im Eltern-Kind-Pass
Für die steirischen Grünen ist all das Anlass, nun zu fordern, dass der richtige Umgang mit Medien im Eltern-Kind-Pass verankert werden soll. Dazu stellten sie im März einen Antrag an die steirische Landesregierung, die diesen wiederum an die Bundesregierung herantragen soll. „Eltern wollen das Beste für ihre Kinder – und verdienen Unterstützung. Viele fragen sich oft, wie ein guter Umgang mit Smartphones und Bildschirmzeiten in der Familie aussehen kann. Fachleute können hier Orientierung geben“, sagt Grünen-Klubobfrau Sandra Krautwaschl. Als Beispiel nennt sie Hebammen: „Hebammen begleiten Familien in einer besonders sensiblen Phase und sind Spezialistinnen für die Eltern-Kind-Bindung. Diese Kompetenz ist enorm wertvoll und kann vielen Problemen in den ersten Lebensmonaten vorbeugen.“
Die steirischen Hebammen jedenfalls stünden bereit: „Wir haben rund um Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett ja einen Bildungsauftrag für Eltern“, sagt Hebamme Rath, die die steirische Geschäftsstelle des Hebammengremiums leitet. Und gerade in dieser Phase seien Familien besonders empfänglich dafür, Maßnahmen für ein gesünderes Leben zu setzen – sei das in Bezug auf die Ernährung, aber auch im Umgang mit Bildschirmen. Von den Geburtsvorbereitungskursen bis zum Hausbesuch im Wochenbett: Überall dort hätten Hebammen die Möglichkeit, über die Risiken von zu viel Bildschirmzeit für Eltern und Kind aufzuklären.
Die steirische Landesregierung hat nun drei Monate Zeit, zum Antrag Stellung zu nehmen.