Dicke Schneeflocken peitschen gegen die Windschutzscheibe, im Licht der riesigen Scheinwerfer tanzen sie vor dem Hintergrund tiefschwarzer Nacht und lassen Himmel und Erde miteinander verschwimmen. Nur wenige Zentimeter unter dem Fahrersitz bewegen sich die Walzen der Pistengeräte unermüdlich vorwärts und arbeiten sich den Berg hinauf. Sie sind Wesen der Nacht, die insgesamt 15 Pistengerätefahrer auf der Planai. Während Schladming schläft, sorgen sie auf den 35 Pistenkilometern für optimale Wintersport-Bedingungen – auch wenn der Weltcup in der Obersteiermark gastiert.

Ein „Stockwerk“ tiefer stellen sich die weltbesten Skirennläufer dem Riesentorlauf und Slalom, ein paar Hundert Höhenmeter darüber muss der touristische Betrieb wie gewohnt weitergehen. „Trotz Weltcup hat die Pistenqualität für die Gäste oberste Priorität, die Leute erwarten sich bei uns ein perfektes Wintersporterlebnis“, so Pistenchef-Stellvertreter Wolfgang Perhab. Mit zehn hochmodernen Pistengeräten werden die Strecken präpariert, jedes von ihnen hat einen eigenen Einsatzbereich – die Planai setzt vor allem auf die Hersteller Kässbohrer und Prinoth. „Für die steilen Hänge kommen Geräte mit Winden zum Einsatz“, erklärt Perhab. Unterwegs ist das Team zwischen 17 Uhr und 3 Uhr nachts – normalerweise. „Wenn in der Nacht viel Neuschnee dazukommt, müssen wir um 5 Uhr nochmal ran, damit die Piste mit der Liftöffnung bereit ist.“

Schladming Nightrace: Nachtschicht auf der Pistenraupe

Stundenlange Einsamkeit auf der Planai

Jeweils zwei Pistengerätefahrer sind für eine Piste zuständig, „ein Hauptverantwortlicher und ein Springer“, wie Perhab erklärt. Das hat organisatorische Gründe. „Wenn etwas nicht passt, können wir sofort nachvollziehen, an wen wir uns wenden müssen.“ Es ist ein Job, den die meisten aus Leidenschaft ausüben – zumindest im Fall von Perhab und seinem Kollegen Fritz Knauß. Seit 40 Jahren lenkt letzterer die mehrere Tonnen schweren Boliden über die Planai, in dieser Nacht einen Prinoth Leitwolf mit 530 PS. „Ich bin auf der Piste aufgewachsen und die Geräte haben mich schon immer fasziniert, da hat eines zum anderen geführt“, sagt der Schladminger, der einen berühmten Cousin hat – den ehemaligen Skirennfahrer Hans Knauß.

In der Fahrerkabine kommt modernste Technik zum Einsatz
In der Fahrerkabine kommt modernste Technik zum Einsatz © Klz / Ripix

In der Fahrerkabine ist es kuschelig warm, im Hintergrund läuft leise das Radio, sogar eine Halterung für sein Handy hat das Gerät. Wie ein Leuchtturm rattert das sechs Meter breite und 9,5 Meter lange Gerät durch die Stille der Nacht, bis zu 12 Stunden verbringt Knauß in dieser Einsamkeit, die nur von gelegentlichen Funksprüchen unterbrochen wird. „Bis 24 Uhr muss man wirklich aufpassen, weil noch Menschen auf der Piste unterwegs sein könnten, die nach dem Aprés Ski zu ihrer Unterkunft zurückkehren, aber danach ist es meistens komplett ruhig“, sagt Knauß, während er das Gerät geschickt einen engen Skiweg hinunterlenkt.

Blinde Navigation auf der Piste

Im Schneetreiben ist das Kinderland auf knapp 1800 Metern Seehöhe kaum zu erkennen, die bunten Figuren werfen im Scheinwerferlicht gespenstisch tanzende Schatten: „Für Pisten wie das Kinderland und den Funpark haben wir eigene Maschinen, die kleiner und wendiger sind“, hat Perhab kurz vor Dienstbeginn noch erzählt.

Pistenchef-Stellvertreter Wolfgang Perhab
Pistenchef-Stellvertreter Wolfgang Perhab © Klz / Ripix

Mehrere Bildschirme helfen Knauß bei jeder Wetterlage bei der Navigation, lebenswichtig, wie er sagt. „Bei Nebel kann man kaum einen Meter weit sehen.“ Vor ihm erleuchten Farben einen Bildschirm, eine digitale Version seines Pistengeräts bewegt sich wie auf einem Navigationsgerät vorwärts. Graue Linien markieren den Pistenrand, wo sich die schwarze Piste bunt färbt, ist bereits ein Gerät gefahren. Ein Radar misst zusätzlich die Schneehöhe. „Ein Meter sollte es immer mindestens sein“, erklärt er.

Mit dem Radar wird die Schneehöhe gemessen, es hilft den Fahrern zudem bei der Navigation
Mit dem Radar wird die Schneehöhe gemessen, es hilft den Fahrern zudem bei der Navigation © Klz / Ripix

Wie das Radar die Schneehöhe auf den Zentimeter genau berechnen kann? „Der Sommer wird zur Erfassung der Daten für das Radar genutzt, im Winter berechnet die Technik dann die Höhendifferenz zwischen Gerät und Boden.“ Neueste Technik findet sich nicht nur in der Fahrerkabine, sondern auch im Tank. Seit Kurzem fahren die Pistengeräte mit sogenanntem HVO (Hydrotreated Vegetable Oil), das aus Abfall- und Reststoffen wie gebrauchten Pflanzenölen hergestellt wird. Auf der Planai wird es auch bei der Bus- und Autoflotte eingesetzt.

Reines Männerteam – und ein Selbstversuch

Auf einer breiten Piste darf ich dann auch einmal ans Steuer, links kann mit zwei Steuerknüppeln die Fahrtrichtung verändert werden, rechts bewege ich die riesige Schaufel, die einen großen Teil des Blickfelds einnimmt. Die Fahrt über eine Kuppe lässt den Puls in die Höhe schnellen, kurz fühlt es sich nach einer Fahrt ins Nichts an. Doch Knauß hat Vertrauen in mein Können. „Du machst das sehr gut“, sagt er. Meinen nervösen Herzschlag kann er zum Glück nicht hören.

Auch ich durfte einmal hinters Steuer
Auch ich durfte einmal hinters Steuer © Klz / Ripix

Viele Frauen sitzen im Moment nicht hinter dem Steuer der Pistengeräte, das 15-köpfige Team besteht ausschließlich aus Männern. Ganz im Gegensatz zum Rest des Planai-Teams, 30 Prozent Frauen kümmern sich um einen reibungslosen Ablauf des Skibetriebs, wie Bergbahn-Chef Georg Bliem wissen lässt.

Für mich geht das Abenteuer Pistenpräparierung nach kurzer Zeit zu Ende, Knauß verschwindet mit seinem Pistengerät alleine zurück in die Finsternis. Schenkt man dem Blick in den Himmel und dem anhaltenden Schneefall Glauben, wird es wohl eine lange Nacht für den Pistengeräteprofi.