Schreckmoment am Grazer Flughafen: Wegen Triebwerksproblemen und Rauchs in Kabine und Cockpit musste eine Maschine der Swiss, die auf dem Weg von Bukarest nach Zürich war, um 17.53 Uhr notlanden. Ein Besatzungsmitglied wurde so schwer verletzt, dass es mit dem Helikopter ins Spital gebracht wurde, der Zustand der Person ist nach wie vor unklar. Sie befindet sich auf der Intensivstation. Weitere 14 Personen - zehn Passagiere und vier Besatzungsmitglieder - mussten sich ebenfalls ärztlich betreuen lassen. Beim betroffenen Flugzeug handelte es sich um einen Airbus A220-300 mit der Immatrikulation HB-JCD. Der Flieger startete um 16.40 Uhr in Bukarest und hätte kurz vor halb sieben in Zürich landen sollen.

An Bord befanden sich 74 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder, wie die Swiss offiziell mitteilte. Wie die Flughafen-Sprecherin Doris Poelt der APA mitteilte, wurden die betroffenen Personen vom Kriseninterventionsteam des Flughafens Graz betreut und versorgt, danach wurde die weitere Betreuung veranlasst. „Trotz der Umstände war alles großartig organisiert“, berichtet eine Passagierin der Kleinen Zeitung. Sie seien gut untergebracht gewesen und hätten sich in keiner Minute schlecht behandelt gefühlt. „Die Situation im Flieger war etwas besorgniserregend, aber das Team hatte alles im Griff.“

Eine andere Passagierin erzählte, dass sie geschlafen habe, als es zum Vorfall kam. „Es war ein seltsames Geräusch, sehr viel Rauch und die Leute konnten nicht atmen. Ich wusste nicht, was passiert war.“ Sie habe sich versucht, sich selbst zu beruhigen, dass alles gut werden würde. „Der Kapitän hat dann gesagt, dass es zur Notlandung kommen würde.“

Sehen Sie sich das gesamte Gespräch im Video an:

Dieses Video soll die Evakuierung des Fliegers zeigen:

„Unsere Piloten sind für solche Situationen geschult, wir trainieren dies auch regelmäßig“, sagt Swiss-Sprecher Michael Pelzer gegenüber der Kleinen Zeitung. Das Flugzeug landete sicher ohne Zwischenfälle. Laut Flughafen-Graz-Geschäftsführer Jürgen Löschnig kommen solche Situationen in der Landeshauptstadt selten vor. „Die Notfallpläne haben genau so funktioniert, wie sie funktionieren sollten.“ Das Flugzeug blieb auf der Piste im südlichen Bereich stehen, die Passagiere wurden von dort evakuiert.

Hier sehen Sie das Gespräch mit dem Flughafen-Geschäftsführer:

Gepäck verblieb im havarierten Flugzeug

Aber nicht jeder war nach dem Vorfall und dieser Nacht in Graz begeistert: Der Brasilianer Luiz Varella wollte eigentlich von Zürich nach Lissabon und von da weiter in seine Heimat. „Meinen Flug habe ich versäumt und damit ist viel Geld weg. Ich habe gebeten, dass man mich in der Nacht nach Wien bringt, damit ich von dort rechtzeitig nach Lissabon komme, aber das haben sie nicht gemacht“, erzählt er, während er in der Schlange zum Einchecken steht. Denn die Passagiere durften ja am Montag nach der Notlandung ihr Gepäck nicht mitnehmen, das verblieb im havarierten Flugzeug. Sie mussten es am Dienstag gegen 8 Uhr extra abholen und es dann neu einchecken.

Er selber hätte keine Furcht gehabt, seiner Frau sei es aber nicht sehr gut gegangen mit dem Vorfall. Überhaupt habe zum Teil Panik unter den Passagieren geherrscht, und auch die Flugbegleiter seien hektisch auf und abgelaufen. Der Flug sei schon spät nach Bukarest gekommen, und der Pilot habe gesagt, dass das Enteisen in Stuttgart so lange gedauert habe. „Ich bin Zivilingenieur und überlege, ob das Ganze etwas damit zu tun haben könnte.“ Der Brasilianer ist jedenfalls perplex: „In Europa habe ich so etwas noch nicht erlebt.“

Irritation wegen fehlender Sauerstoffmasken

Was die Passagiere extrem irritiert hat, ist, dass die Sauerstoffmasken über den Sitzen nicht ausgelöst wurden. Dass die Sauerstoffmasken nicht aktiviert wurden, lässt sich aber leicht erklären: Sie sind nur für einen Druckabfall gedacht und nicht dafür, bei Feuer und Rauch eingesetzt zu werden. Da besteht nämlich eher die Gefahr, dass der zusätzliche Sauerstoff den Brand sogar noch verschärft. Jedenfalls ist Feuer im Flugzeug eine der größten Gefahren.

Eine Swissair war 1998 deshalb in den Atlantik abgestürzt, weil nach einem Kabelbrand die Piloten die Kontrolle über das Flugzeug verloren und vor Boston der Flug 111 mit 215 Passagieren und 14 Besatzungsmitgliedern abstürzte und niemand überlebte. Es ist der größte Flugzeugunfall, der je mit einem deutschsprachigen Flugzeug passiert ist. Beim Unglück mit der Lauda Air 1991 kamen 223 Menschen ums Leben.

„Wir dachten, sie ist verstorben“

Ein Amerikaner, der mit seiner Frau in Bukarest war und jetzt zum Skifahren in die Schweiz wollte, hatte ein Geräusch gehört, als das Triebwerk auf der linken Seite den Geist aufgab. Die Crewmitglieder liefen aufgeregt herum und setzten sich selbst gelbe Hüte aus - Sauerstoffmasken für die Besatzung. Man habe dann mit Schrecken beobachtet, wie die junge Stewardess zu Boden ging und zuckende Bewegungen machte, ehe das auch endete. „Wir dachten, sie ist verstorben“, erzählt er geschockt.

Betreuung in Graz hat gut funktioniert

Einem Paar aus Bukarest steckt in der Abflughalle von Graz auch noch der Schreck in den Gliedern. „Wir konnten der Stewardess nicht helfen“, sagt die Frau, die ebenso wie ihr Partner ungenannt bleiben will. Sie ist selbst Ärztin und hatte aus anderen Gründen eine Covid-Maske um und „das hat bei dem Rauch sehr, sehr geholfen“. Ansonsten lobt sie den Kapitän und vor allem auch den Flughafen Graz: „Die Betreuung und alles hat hier in Graz sehr gut funktioniert.“

Für die Einsatzkräfte war das auch ein besonderer Einsatz. So waren allein von der Rettung her 20 Fahrzeuge mit 44 Mitarbeitern im Einsatz, die 17 Insassen des Flugzeuges abtransportierten. Dazu kam noch das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes mit acht Mann.

Passagiere sind bereits Richtung Zürich abgehoben

Die Swiss hat Sonderflüge geplant. In der Nacht auf Dienstag startete ein Flug mit einer Delegation bestehend aus einem Care-Team für Passagiere und Besatzung, Technikern und einem Unterstützungsteam für die Behörden vor Ort. Der Flieger landete kurz vor 1 Uhr, wie Pelzer erklärt.

Passagiere flogen ab - viele Fragen bleiben offen

Der zweite Sonderflug mit der Flugnummer LX7385 flog dann gegen 10 Uhr von Graz nach Zürich. Die Passagiere, die im Spital waren, konnten entlassen werden, erklärte die Swiss am Dienstag zu Mittag in einer Aussendung. „Wir sind uns bewusst, dass viele Fragen zu diesem Vorfall und zur Evakuation des Flugzeuges bestehen. Die Sicherheit unserer Passagiere und Crew hat für uns oberste Priorität. Swiss arbeitet eng mit den zuständigen Behörden zusammen, die den Vorfall derzeit untersuchen. Wir setzen alles daran, die Ursache lückenlos aufzuklären und die Behörden bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir aufgrund der laufenden Untersuchungen derzeit nur begrenzt Informationen bereitstellen können“, hieß es da unter anderem.

Zwei Crewmitglieder von der Kabinenbesatzung verblieben im Krankenhaus, der Zustand der Stewardess, die auf der Intensivstation liegt, ist noch immer lebensbedrohlich. Angehörige dieser Flugbegleiterin sind in Graz eingetroffen. Ein Swiss-Team kümmert sich um jene Passagiere, die noch in Graz verblieben sind. Hier sehen Sie den Abflug der LX-7385 im Video, die 63 Passagiere mitgenommen hat (ursprünglich waren 74 Passagiere in Graz gelandet):