Es war ja mitunter ein wenig eintönig, auch wenn es hierzulande nicht auffiel, weil der Sieger acht Mal in Folge Marcel Hirscher hieß und bei den Damen gegen Mikaela Shiffrin kein Kraut gewachsen war. Erst mit Hirschers Abgang wurde jedem in Österreich bewusst, dass die Ski-Nation Nummer eins nicht nur diesen Status an die Schweiz abtreten musste, sondern auch kaum in den Kampf um die große Kristallkugel eingreifen würde können.

Das könnte sich in diesem Jahr ändern – wie man sich überhaupt auf die wohl spannendste Saison seit Langem freuen darf: Denn nicht zuletzt durch die „Angleichung“ der Rennanzahl in den Technik- bzw. Speedbewerben hat sich auch die Zahl derer, die um den Gesamtweltcup fahren können, vervielfacht. Vor dem Saisonstart in Sölden am Wochenende haben wir einen Blick auf die Favoritinnen bzw. Favoriten auf den Gesamtsieg geworfen.

Wer schlägt bei den Damen zu?

FRAUEN. Petra Vlhova sicherte vergangene Saison der Slowakei erstmals in der Geschichte den Gesamt-Weltcupsieg. Die 26-Jährige punktete in allen Disziplinen, tauschte aber nach dem Gewinn der großen Kugel ihren Trainer aus. Auf Livio Magoni folgt Mauro Pini. Zu den großen Favoritinnen zählt die Allrounderin aber trotzdem auch in diesem Winter. Findet die Weltcup-Gesamtsiegerin 2019/20, Federica Brignone, ihre Form wieder, sollte die Italienerin erste Herausforderin von Vlhova sein. Die 31-Jährige kann ebenfalls in allen Disziplinen punkten, durfte die Vorbereitung mit ihrem eigenen Team um Bruder Davide absolvieren und hat dabei auch ihre Ende der vergangenen Saison aufgetretenen Motivationsprobleme in den Griff bekommen.

Wieder in den Kampf um die große Kristallkugel eingreifen will Mikaela Shiffrin. Die US-Amerikanerin musste im vergangenen Winter den Unfalltod ihres Vaters Jeff verkraften, ist nun aber wieder „richtig lebendig“. Auch, weil sie mit Aleksander Kilde wieder einen Mann an ihrer Seite hat. Sicher mitreden um den Gesamtsieg wird Lara Gut-Behrami. Die 30-jährige Schweizerin fand vergangene Saison zu ihrer Form, holte WM-Gold in Super-G und Riesentorlauf in Cortina d’Ampezzo, wurde Zweite im Gesamt-Weltcup 2020/21. Ihr ist alles zuzutrauen.


Österreichs heißestes Eisen ist Katharina Liensberger. Der einzige Nachteil der 24-Jährigen: sie fährt nur Riesentorlauf und Slalom. Das wird wohl zu wenig sein, um um die große Kugel mitreden zu können.
Außenseiterchancen haben Sofia Goggia (ITA) und Michelle Gisin (SUI). Die Italienerin erlitt im Jänner einen Schienbeinkopfbruch, gilt im Zirkus aber als unerschrockene Draufgängerin. Gisin litt im Sommer an Pfeifferschen Drüsenfieber, daher ist eine Prognose schwierig. In Sölden wird sie noch nicht am Start sein.

Kann Alexis Pinturault den Titel verteidigen?

MÄNNER. Als Weltcup-Titelverteidiger geht Alexis Pinturault ins Rennen. Der Franzose kam vergangene Saison endlich ans große Ziel, ihn wird der neue Kalender mit ausgeglichener Anzahl an Rennen in Technik und Speed keinesfalls schrecken, er ist zumindest im Super-G ebenso unter den Besten. Erster Herausforderer könnte der junge Schweizer Marco Odermatt (24) werden. Er ist in der Zwischenzeit ebenso in drei Disziplinen in der Lage, ganz nach vorne zu fahren – und hat das auch schon bewiesen.

Ebenso aber kann auch Aleksander Aamodt Kilde in drei Disziplinen mitmischen - wenn er seinen Kreuzbandriss im Jänner schon gut genug weggesteckt hat. Aber die Norweger waren immer schon bekannt dafür, meist stärker und vor allem rasch nach Verletzungen zurückzukehren, dazu hat Kilde sicher aus dem privaten Glück mit Mikaela Shiffrin einen Schub bekommen.

Das große Fragezeichen wird auch in diesem Jahr Henrik Kristoffersen sein. Der designierte Thronfolger von Marcel Hirscher stolpert nach dem Karriereende des einstigen „Lieblingsfeindes“ von einer Panne in die Nächste, fand nie mehr den richtigen Zug. Und für den Gesamtweltcup darf sich auch ein Techniker kaum noch einen Fehler erlauben. Soll heißen: Nur wer in Slalom und Riesentorlauf vorne dabei ist, darf sich ohne Super-G Chancen ausrechnen.

Gespannt darf man sein, wie der Schweizer Loic Meillard aus den Startlöchern kommt. Der Kollege von Odermatt hätte auch das Zeug, in drei Disziplinen mitmischen zu können. Das könnte aber auch ein Marco Schwarz – der Kärntner ist nach dem Vorjahr mit einer Steigerung im RTL und der Aufnahme des Super-G in seine Planung ebenso in der Außenseiterrolle um den Gesamtweltcup, da kommen aber auch Matthias Mayer (der es auch im RTL probiert) oder Doppel-Weltmeister Vincent Kriechmayr infrage. Klar ist: Spannend wird’s.