Was Marcel Hirscher und Thomas Schipflinger verbindet? Beide haben sich im Dezember ein Kreuzband gerissen – mitten in den Vorbereitungen zur WM. Was Marcel Hirscher und Thomas Schipflinger verbinden hätte können? Ein WM-Pokal – denn die Trophäen, die bei den Rennen der Weltmeisterschaft zusätzlich zu den Medaillen an die drei Schnellsten vergeben werden, stammen aus der Kunstgießerei von Schipflinger in Maishofen, einem 3600-Einwohner-Ort zwischen Saalbach und Zell am See.
Die von ihm kreierten Pokale sind samt Granitsockel 30 Zentimeter hoch, drei Kilo schwer und der Form eines Schneekristalls nachempfunden – als Reminiszenz an die „Schneekristallpiste“ am Zwölferkogel in Hinterglemm, auf der sechs der elf WM-Rennen ausgetragen werden. Rund vier Stunden Arbeit stecken in jeder einzelnen Trophäe, rechnet Schipflinger vor. Er führt den von seinem Vater Franz 1987 gegründeten Zwei-Mann-Familienbetrieb seit 2013. Abgesehen von dem WM-Auftrag produzieren die beiden in der kleinen Garagenwerkstatt auch andere Trophäen, Skulpturen und Schilder, Schlüsselanhänger, Gedenktafeln und individuell gestaltete Gürtelschnallen. Zum Einsatz kommen Bronze, Messing und – wie bei den Insignien des WM-Erfolgs – Aluminium. Produziert wird nach der klassischen Gussmethode: Zunächst werden Formvorlagen hergestellt. Im Fall der Schneekristalle hatte sie ein örtlicher Bildhauer nach einer gezeichneten Skizze von Thomas Schipflinger aus Zirbenholz geschnitzt. Der Holzstern wurde im Anschluss in eine kompakt zusammengepresste, hitzebeständige Sandmischung gedrückt. Dieser Abdruck wurde später mit verflüssigtem 720 Grad heißen Aluminium ausgegossen, nach dem Abkühlen bearbeitet, gereinigt und in Bronze, Silber und Gold lackiert. Fertig.
Für die Schipflingers ist die Produktion der WM-Trophäen jedenfalls „eine Riesenehre“, aber keine Premiere. Sie haben bereits baugleiche Exponate für die damals wegen der Corona-Pandemie spontan von China nach Saalbach verlegten Weltcuprennen 2020 und zuletzt für das Weltcupfinale in der vergangenen Saison angefertigt. Für die aktuellen Trophäen gab es bereits im vergangenen Sommer erste Gespräche mit den WM-Organisatoren, erinnert sich Schipflinger. Der konkrete Auftrag kam aber erst im Dezember letzten Jahres. „Ziemlich knapp“, sagt der ausgebildete Metall- und Eisengießer. Gehandicapt durch das gerissene Kreuzband wurde über die Weihnachtsfeiertage durchgearbeitet. Vor drei Wochen waren dann sämtliche 66 Kristalle fertig. Inklusive der Teambewerbe werden davon bei den elf Rennen zumindest 54 Exemplare vergeben, der Rest steht für etwaige ex aequo-Entscheidungen bereit.
Wer sie entgegennehmen soll? „Die Besten sollen gewinnen“, bleibt Schipflinger senior diplomatisch-sportlich neutral. Sein Sohn hat nur zwei Wunschkandidaten: Seinen Salzburger Landsmann Stefan Brennsteiner im Riesentorlauf – „weil der wohnt nur 25 Kilometer von uns entfernt und lässig wäre es auch, wenn ein Stück nach Südamerika gehen würde“, lässt er Sympathien für Lucas Pinheiro Braathen durchblitzen. Bei der WM selbst wird Schipflinger jedenfalls täglich vor Ort sein, um die Namen der ersten Drei in die offiziellen FIS-Medaillen zu gravieren. Nicht nur bei den um diese Auszeichnungen ritternden Sportlern nahmen Anspannung und Aufregung zuletzt spürbar zu. Auch bei Schipflinger, in dessen kleinem Schauraum die Schneekristall-Trophäen in Reih und Glied auf den Shuttle Richtung Hinterglemm warteten. „In der Nacht bin ich immer wieder aufgewacht, weil ich geträumt habe, dass eine Trophäe fehlt.“ Als Reaktion schloss er die tagsüber offene Tür zur Werkstatt zuletzt immer besonders gewissenhaft zu.