Es ist ein Hammer vor dem Start in den Olympia-Winter: Madeleine Egle, zweifache Olympia- und vierfache WM-Medaillengewinnerin und dreifache Europameisterin, wird in Cortina 2026 nicht dabei sein können. Denn die 27-jährige Tirolerin wurde nach einem über 20 Monate andauernden Verfahren nun nach drei verpassten Dopingtests im Jahr 2023 von der International Testing Agency (ITA) für die Dauer von 20 Monaten gesperrt. Und das bedeutet eben: Olympia ist kein Thema und nach beinahe zweijährigem, psychisch zehrendem Verfahren ist es auch offen, ob Egle ihre Karriere überhaupt fortsetzen wird können. Klar ist auch: Die Sperre für Egle ist zwar im Rahmen der Vorgaben und wurde gegenüber eines ersten ITA-Vorschlages auch schon reduziert, mild ist das Urteil allerdings nicht.
Zur Vorgeschichte: Am 20. Dezember 2024 wurde die für den SC Rinn rodelnde Egle zum dritten Mal innerhalb von 12 Monaten nicht am von ihr im ADAMS-System angegebenen Ort – Athleten müssen hier für jeden Tag immer zumindest eine Stunde an einer von ihnen angegebenen Adresse auffindbar sein – angetroffen. Am 1. Februar wurde sie von der Nationalen Doping Agentur NADA über dieses Versäumnis in Kenntnis gesetzt. Die Strafe laut Welt Anti Doping Code und damit auch in Österreich beträgt zwischen einem und zwei Jahren. Doch so weit kam es vorerst nicht, weil Egle einen Überprüfungsantrag an die Unabhängige Schiedskommission (USK) übermittelte, mit dem die Entscheidung der NADA Austria angefochten wurde, diese Kommission bestätigte aber letztlich den dritten verpassten Test.
Drakonische Strafe
Der internationale Rodelverband FIL, der mit den Sanktionen beauftragt ist, übertrug seinerseits der ITA die Aufgabe, ein Urteil zu fällen, das erste war drakonisch: die Aberkennung sämtlicher seit 20. Dezember 2023 erzielten Erfolge, damit verbundene wirtschaftliche Sanktionen und eine Sperre von 24 Monaten. Die FIL akzeptierte, Egle nicht und intervenierte ob der Unverhältnismäßigkeit des Strafausmaßes und der Sanktionen – denn neben der Aberkennung aller Erfolge wäre die Sperre erst ab dem Urteil gültig, damit wären dreieinhalb Jahre „gelöscht“. Nun gibt es ein neues Urteil: eine Reduzierung der Sperre auf 20 Monate, die Erfolge zwischen 2023 und dem Urteil – unter anderem der EM-Titel von 2024 – werden nicht aberkannt. Weil in solchen Fällen ein Einspruch vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS ebenso wenig Aussicht auf Erfolg hat und zudem teuer ist, verzichtet Egle und nimmt das Urteil an.
„Ich hätte nie mit einer derart harten Bestrafung gerechnet, meine Karriere liegt gefühlt in Trümmern, ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Es war schon während des Verfahrens eine psychisch ungemein schwere Zeit, vor allem die Hearings waren sehr belastend, ich habe mich phasenweise gefühlt wie eine Schwerverbrecherin“, sagte die verzweifelte Egle in einer Aussendung. „Umso wichtiger ist mir in diesem Zusammenhang festzuhalten, dass ich nie gedopt habe und alle Kontrollen in meiner Karriere negativ waren. Ja, ich habe Fehler gemacht, da meine im ADAMS hinterlegten Aufenthaltsinformationen im Detail nicht korrekt angegeben waren und als Missed Tests bewertet wurden. Das Kontrollsystem, so wichtig es auch ist, hat allerdings seine Tücken, auch was die App betrifft, bei der es immer wieder Schwierigkeiten mit dem Zugriff gab.“
„Ich bin eine im Top-Segment kategorisierte Athletin, die damit strengeren Regeln unterliegt und strikter kontrolliert wird. Ich habe die Verpflichtung, jeden Tag eine Stunde (Slot Time) erreichbar zu sein und mich an einem bestimmten Ort zu befinden, sowie drei bis fünf regelmäßige Tätigkeiten anzuführen, bei denen man mich auffinden kann – beispielsweise beim Training, an der Universität oder bei der Physiotherapie. Zusätzlich dazu muss man jeden Tag den Ort angeben, wo man übernachtet. Hierbei soll man das Programm bereits 3,5 Monate im Voraus ausfüllen, kann es dann aber bei etwaigen Änderungen wieder anpassen. Keine Frage, ich muss mir den Vorwurf machen hier nachlässig und zu sorglos gehandelt zu haben. Der ursprünglich vorgesehene Sanktionszeitraum von 3,5 Jahren hat mich völlig aus der Bahn geworfen, die Abmilderung des Strafausmaßes ist natürlich ein gewisser Lichtblick, aber unterm Strich bleibt die Tatsache, dass mir die Teilnahme an den Olympischen Spielen verwehrt bleibt“, führt Egle weiter aus. Und das Verpassen der Spiele habe für sie drastische Folgen: „In Sportarten wie der meinen, wo du nicht das große Geld machst und kaum eine Bühne hast, sind die Olympischen Spiele das Maß aller Dinge. Ich habe hart darauf hingearbeitet, der Medaillentraum war realistisch, jetzt ist er geplatzt. Die Enttäuschung darüber ist schwer in Worte zu fassen. Es ist auch Wut dabei, denn für mich ist es einfach ungerecht.“
Für die 16-fache Siegerin von Weltcuprennen ist das Urteil trotzdem eines, das ihr den Boden unter den Füßen wegzieht. Und es ist offen, ob und wie Egle, die bei Olympia vor allem in den Teambewerben, aber auch im Einzel zu den stärksten Österreicherinnen der ohnehin starken Auswahl zu zählen war, sich motivieren kann, nach der Sperre noch einmal zu versuchen, den Anschluss zu finden.
Ist die Sperre verhältnismäßig?
Ein schaler Beigeschmack bleibt zudem: Klar, die Regelung ist eindeutig und sieht auch für „Missed Tests“ solche Sperren vor. Doch im Fall von Egle haben diese allesamt mit Terminen zu tun, die mit der Mannschaft absolviert wurden. Und: Jannik Sinner, der eine positive Probe abgab, wurde von der ITA für ein solches Vergehen für drei Monate gesperrt, Egle hingegen für 20 Monate. Sie ist aber nicht die erste, die so streng verurteilt wurde – ohne, dass es einen positiven Test oder auch nur Anhaltspunkte für einen solchen gab. Im Gegenteil: Egle wurde vor und nach den Missed Tests oft getestet und war jeweils negativ. Geholfen hat ihr das nicht.
Präsident Prock: „Wissen, dass sie eine saubere Athletin ist“
Auch Markus Prock, Ex-Spitzenathlet, Präsident des Rodelverbandes ÖRV und Vizepräsident des ÖOC, ist bestürzt: „Wir wissen, dass Madeleine Egle eine saubere Athletin ist. Sie hat Fehler gemacht, aber keine die das Urteil, auch wenn das Ausmaß final reduziert wurde, auch nur ansatzweise rechtfertigen. Strafe muss sein, keine Frage, aber in diesen Dimensionen, das ist ein Wahnsinn. Wir haben im ÖRV alle Möglichkeiten ausgeschöpft und uns aus Überzeugung für die Sache und eine gerechte Sanktion eingesetzt. Ich bin selber Mitglied der FIL-Exekutiv-Kommission und natürlich emotional befangen, aber wir haben hier aus meiner Sicht eine Sportlerin der internationalen Rodel-Familie schlichtweg im Stich gelassen. Es ging nie darum eine Strafe zu umschiffen, sondern ein faires Urteil zu bewirken. Davon kann keine Rede sein. Wir müssen unsere Partnerschaft und Rolle innerhalb des Internationalen Rodelverbandes hinterfragen und werden intern erörtern welche Maßnahmen zu treffen sind.“
Cheftrainer Christian Eigentler meinte: „Madeleine wird nicht für ein Dopingvergehen, sondern für Verwaltungsfehler brutal hart bestraft. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen, das kann und darf nicht sein. Ich bin vor allem vom Verhalten der FIL extrem enttäuscht. Sie sagen zwar immer, dass wir eine große Rodel-Familie sind, aber davon sind wir weit entfernt. Die Entscheidungsträger in den einzelnen Organen haben ihre nationale Brille auf und sind juristisch alles andere als Experten. Trotzdem haben sie es besser gewusst als die beratenden Anwälte und sind ihrer Verantwortung, eine ihrer Athletinnen vor einer ungerechten Strafe zu schützen, aus meiner Sicht einfach nicht nachgekommen. Madeleine tut mir extrem leid, es ist extrem bitter für sie und es ist natürlich auch ein schwerer Dämpfer für das Nationalteam und den heimischen Rodelsport. Wir verlieren in Hinblick Cortina 2026 nicht nur eine wichtige Leistungsträgerin, sondern auch eine absolute Führungspersönlichkeit. Es ist einfach ungerecht und sehr frustrierend.“