Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. Oder eines Tischtennisschlägers. Doch nicht alles im Leben ist schwarz oder rot, wie die aktuell tiefen Gräben im Österreichischen Tischtennisverband (ÖTTV) zeigen. Sie zuzuschütten, scheint zunehmend zu einem Ding der Unmöglichkeit zu werden. Am Mittwoch ist eine Vorstandssitzung anberaumt, in der mögliche Folgen nach den jüngsten Ereignissen zur Debatte stehen: Nach den schweren Vorwürfen minderjähriger Tischtennis-Spielerinnen gegen einen Trainer, der sich ihnen gegenüber anzüglich verhalten haben soll, hat Liu Jia ihr Amt als Vizepräsidentin niedergelegt. Es folgten gegenseitige Vorwürfe zweier „Fraktionen“ innerhalb des ÖTTV: Die Landesverbände Steiermark, Niederösterreich, Burgenland und Vorarlberg stellen sich auf die Seite des Präsidenten Wolfgang Gotschke. Die Gegenseite bilden Kärnten, Wien, Oberösterreich, Salzburg und Tirol: Sie sehen dringenden Handlungsbedarf – nicht zuletzt, um den Sport zu retten.

Was war davor geschehen? Im Herbst 2024 wurden Vorwürfe gegen ÖTTV-Präsident Wolfgang Gotschke und dessen Sportdirektor Stefan Fegerl öffentlich. Sie lauteten auf psychische Gewalt sowie Unterdrucksetzen von Sportlerinnen und Sportlern. Eine selbst installierte Untersuchungskommission bestätigte die Vorwürfe zwar, doch es gab keine Rücktritte, sondern Neuwahlen. Gotschke und Fegerl traten im März 2025 erneut an, als Gegenkandidaten stellten der ehemalige Verteidigungsminister Norbert Darabos und die ehemalige Spitzenspielerin Liu Jia ein Team. Das auch für die Betroffenen überraschende Ergebnis: Gotschke wurde bestätigt, als Vizepräsidentin wurde Liu Jia gewählt. Das Duo musste miteinander arbeiten, obwohl dies nie deren Absicht war.

Vorwürfe gegen den Trainer als Spitze des Eisbergs für Liu Jia

Nun erlitt der ÖTTV einen Totalschaden. „Der Standard“ machte schwerwiegende Vorwürfe von jungen Tischtennisspielerinnen gegen einen Trainer bekannt. Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft, für den Mann gilt die Unschuldsvermutung. Für Liu Jia bildete dies, wie sie sagt, die Spitze des Eisbergs. Sie ging nach einem Jahr, in dem sie „in Vorstandssitzungen mit viel Gegenwind“ zu kämpfen hatte, der Sport, sagt sie, stehe nicht im Vordergrund. Es folgte ein Rundschreiben von sieben von acht Bundesligavereinen, die den Rücktritt von Gotschke und dessen Vizepräsident Conrad Miller forderten.

Der „Return“ am Montagabend: Die Tischtennisverbände Steiermark, Niederösterreich, Burgenland und Vorarlberg gaben zu Protokoll, dass Liu Jia unter Vorliegen von Beweisen „mit dem involvierten Personenkreis am meisten Kontakt hatte“. Eine elf Fakten lange Liste soll belegen, dass die 44-Jährige selbst in diesem Fall mehr tun hätte können. „Es lässt sich alles beweisen“, sagt Wolfgang Heimrath, der steirische Verbandspräsident, und meint: „Mich hat gewundert, dass von den Eltern keine Anzeige kam.“ Gotschke, der der Kleinen Zeitung noch zu keiner Stellungnahme zur Verfügung stand, hätte „sofort reagiert“ und sei für ihn „einer der besten Präsidenten, die wir je gehabt haben".

Dobrounig: „Ein reines Ablenkungsmanöver“

Die Gegenseite reagiert empört. „Ein reines Ablenkungsmanöver“ ortet Kärntens Landespräsident Hubert Dobrounig, die Verfasser würden nach dem Abgang von Liu Jia in ihr einen neuen Sündenbock suchen. „Nichts von alldem, was von dieser Seite kommt, ist im Sinne des Sports. Es braucht einen Neuanfang – das ist kein Riss, das ist eine Schlucht.“

Liu Jia nahm nach ihrem Rücktritt ausführlich Stellung, zu einer erneuten Stellungnahme war sie nicht mehr bereit, sagte lediglich: „Ich habe die gesamten Eltern und Kinder hinter mir. Ich habe ein reines Gewissen.“