Das spricht für Max Verstappen
von Gerhard Hofstädter
Das Drehbuch des Formel-1-Mitschnitts von 2021 schreibt sich von selbst. Weil es heuer einem Niederländer gelungen ist, am Denkmal von Lewis Hamilton zu kratzen. Max Verstappen hat das fahrerische Element auf ein Niveau gehoben, das selbst einen Rekordweltmeister nicht zur Ruhe kommen lässt. Mit den Rennen in Monte Carlo und Baku schlug das Pendel endgültig um. Red Bull lieferte mit Partner Honda eine totale Technikoffensive. Die Japaner gaben ab Frankreich die volle Leistung frei. So geriet Mercedes richtig unter Druck.
Eine ungewohnte Situation für die Erfolgsverwöhnten. Und ausgerechnet in Österreich, in Spielberg, dominierte Verstappen in jenem Stil, in dem Hamilton jahrelang die Formel 1 beherrscht hat. Mercedes auf einmal in der Defensive, die Nervosität stieg. Und Max Verstappen spürte dann so richtig, dass es heuer passen könnte, dass die Chance zum Titel riesengroß ist. Allein das verlieh einige PS mehr. In seinem Kopf, in seinem Gasfuß. Dazu ist er auch noch derart gereift, dass der jugendliche Leichtsinn sich nicht mehr so gravierend einmischt.
Hamilton flehte nach neuen Entwicklungsstufen. Dabei hatte Mercedes schon alle Sensoren auf 2022. Da stellt ein neues Reglement alles auf Null. Nicht so bei Red Bull. Wo man Verstappen mit Neuentwicklungen verwöhnte. Sie setzen alles auf eine Karte, gehen jedes Risiko ein, entwickeln, als ob es gar kein 2022 gäbe. Das sollte sich am kommenden Sonntag auch auszahlen. Und belohnt werden. Verstappen hat es sich verdient.
Das spricht für Lewis Hamilton
von Matthias Janisch
Als Momentum bezeichnet man per Definition einen richtigen, geeigneten Zeitpunkt oder Augenblick. Und genau dieser wartet am Wochenende auf Lewis Hamilton. Spätestens seit den letzten Rennen ist es wohl allen Skeptikern klar, dass der Brite in den vergangenen Jahren nicht (nur) von einem meisterhaft entwickelten Boliden profitierte, sondern auch zu den besten Fahrern aller Zeiten gehört. Beim Großen Preis von Brasilien wendete sich das Blatt in Richtung Hamilton und dafür ist er einzig und allein selbst verantwortlich. In der Sprintsession startete er aufgrund einer Strafe von ganz hinten, pflügte durch das Feld und fuhr in kürzester Zeit auf Platz fünf, was nach Motorenwechsel Rang zehn in der Startaufstellung bedeutete. Kein Problem, im Rennen gab es „Hammertime“ vom Feinsten und einen der beeindruckendsten Siege der jüngeren Formel-1-Geschichte.
Positiver Nebenaspekt: Die frische Antriebseinheit entpuppte sich als echte Rakete, was Max Verstappen und Red Bull in den folgenden Rennen zu spüren bekamen. Während der Niederländer beim Jubeln in Mexiko noch wie der sichere Weltmeister aussah, hat der siebenfache Weltmeister nun alle Trümpfe in der Hand. Dabei spielt vor allem eine Zahl eine tragende Rolle: 4649. Genausoviele Tage Lebens- und Rennerfahrung trennen die Kontrahenten, was sich im hitzigen Titelkampf von Abu Dhabi auszahlen wird. Verstappen beendet seine Karriere garantiert nicht ohne Weltmeistertitel, dafür hat er zu viel Talent. Zumindest für ein Jahr muss sich der Niederländer aber noch gedulden.