An sich hätte ich Marco Odermatt bei dieser WM für angreifbar gehalten. In der Abfahrt kommt ihm der oberste Teil entgegen, aber im Super-G schien es mir vom Gelände her fast zu leicht. Und dann zieht der da schon seine Spur, das war ein Wahnsinn: die Linie, die Kompaktheit, sein Gefühl, er hatte immer Zug am Ski, das war einfach sensationell. So hat er die vermeintliche leichtere Variante schon genützt, um ein Exempel zu statuieren. Es war klar, dass er oben etwas rausholen muss, das tat er auch – das und wie er dann aber bis ins Ziel nicht aufhörte, schnell zu sein, wie er aus einem Guss durchzog, das war genial. Dabei meinte man in Kitzbühel, er kommt leicht ins Wanken. Keine Spur!
Er muss einen unglaublichen Zugang zu seinem Körper haben, ein Wahnsinnsgespür, wie er sich am Tag X so in Form bringt, die Aggressivität immer auf den Punkt bringt, ohne zu überpowern. Und das, obwohl er, wie wir wissen, alles andere als ein Heiliger ist, seine Erfolge durchaus feiert.
Wenn man „Odi“ mit Raphael Haaser vergleicht, muss man sagen: Letzterer ist noch lange nicht am Zenit. Aber an einem Punkt, wo er die letzten fünf Prozent zum Gewinnen braucht – die liegen in einer gewissen Lockerheit. Odermatt hat sie. Und Raphael spürt nun, dass er mit weniger Gewalt schneller ist. Er kam von der Verletzungspause zurück und wirkte fast so, als ob er sich selbst gedacht hat: Lass‘ ma einmal a bisserl locker – und jetzt geht es. Das war schön zum Zuschauen.
So oder so: Marco Odermatt gehen scheinbar die Gegner aus. Selbst die aus dem eigenen Lager ließen im Super-G aus, ein Franjo von Allmen – wie auch ein Lukas Feurstein – muss noch lernen, dass man bei einer WM, wo man alles richtig machen und auf den Punkt bringen will, nicht übertreiben darf. In der Abfahrt sehe ich nun wenig Licht, vor allem, wenn Odermatt den zähen, oberen Teil wieder runterzirkelt wie im Super-G.
Gold ist quasi besetzt, momentan scheint alles gleich erdrückend wie zu Zeiten eines Hermann Maier. Ich habe damals gewusst: Um Hermann zu schlagen, musst du mit dem Messer zwischen den Zähnen eine Harakiri-Aktion setzen. Entweder du segelst raus, oder du kommst knapp zu ihm hin. In Kitzbühel 2001 hätte ich ihn im Griff gehabt – und bin doch im Netz gelandet. Weil ich eben wusste, dass es Hopp oder Drop sein muss. Das gilt diesmal in der Abfahrt für alle Odermatt-Gegner auch.
Was ich mir wünschen würde: Dass Stefan Babinsky, der alles hat, sich mit Platz sechs im Super-G nicht zufrieden gibt, sondern nachdenkt, wie er gewinnen kann. Sich schwört, in der Abfahrt so reinzuschneiden wie noch nie. Was es braucht: Genau den Punkt die 100 Prozent zu finden. Gelingt das keinem, zeigt uns Odermatt wieder, wie es geht und wird abermals dominieren.