Oliver Christensen ist der Typ Mensch, mit dem man recht einfach ins Gespräch kommt. Der 26-Jährige geht als extrovertiert durch, lacht gerne, hat immer wieder einen Spruch auf den Lippen. Als klassisches Sprachentalent bezeichnet er sich nicht, aber aus seinen beiden Jahren bei Hertha BSC ist sein Deutsch hervorragend.
„Ich rede so viel, weißt du“, grinst der neue Tormann des SK Sturm und betont, dass er die Sprache in Berlin nach dem Motto „learning by doing“ erlernt hat: „Nur in der Schule sitzen, schreiben und üben, ist nichts für mich. Ich bin der Typ, der das auf der Straße lernen muss. Ich muss einfach raus und mit den Menschen reden.“
Sturm und die Dänen
Deutsch, Englisch, Dänisch – Christensen spricht fast jede Sprache, die man in der schwarz-weißen Kabine gut gebrauchen kann. Bei einem ausländischen Arbeitgeber auf derart viele Landsleute zu treffen, ist Neuland für ihn. Nach William Böving, Tochi Chukwuani und Julius Beck ist er der vierte Däne im Kader, mit Rasmus Hojlund und Mika Biereth sorgten zuvor zwei weitere für Furore.
„Ich sage ja immer, Dänen haben Qualität“, schmunzelt Christensen, der nur mutmaßen kann, warum Danish Dynamite und Sturm ein derart gutes Match abgeben: „Es ist eine ähnliche Fußball-Kultur und daher ein guter erster Schritt, wenn du aus Dänemark hierherkommst. Sie haben ihre Chance hier auch genutzt. Aber dass es so viele geschafft haben, ist schon überraschend.“
Christensen möchte sich nun in diese Riege an erfolgreichen Dänen einreihen. Bis zum Winter ist er aufgrund der Handverletzung der geplanten Nummer eins Daniil Khudyakov von der Fiorentina ausgeliehen. Beim Traditionsklub aus der Serie A läuft sein Vertrag bis 2028. In Graz bietet sich die Gelegenheit, sich für neue Aufgaben ins Rampenlicht zu fangen.
„Für mich war das Wichtigste, im Sommer einen Klub zu finden, bei dem ich viele Spiele machen kann“, unterstreicht der Keeper, „es ist natürlich nie schön, wenn das wegen einer Verletzung ist, aber auch das ist der Fußball. Ich möchte der Mannschaft in diesen fünf Monaten helfen, die Ziele zu erreichen.“
Via Sturm zur WM 2026
Gelingt dies, könnte Sturm ihm helfen, eines seiner Saisonziele zu erreichen: die Teilnahme an der WM 2026. Aktuell hält Christensen bei einem Länderspiel, im Juni kehrte er nach längerer Pause ins Aufgebot des A-Teams zurück. Es wäre nicht seine erste WM-Reise: „Ich war schon in Katar dabei. Das war ein bisschen anders, weil es im Winter war. Jetzt würde ich gerne eine WM im Sommer probieren.“
Bringt er WM-reife Leistungen, hat der Neuzugang auch in Graz alle Anlagen, zum Publikumsliebling zu avancieren. Als solcher galt er in Berlin. „Ich bin ein ganz lockerer Typ, aber wenn ich auf den Platz gehe, gebe ich alles. Ich glaube, das haben sie geliebt in Berlin, genau wie ich die Fans geliebt habe“, meint Christensen, der sich als typischen Tormann, also ein wenig verrückt, bezeichnen würde: „Wenn ich auf den Platz gehe, verändert sich in mir etwas. Ich will unbedingt gewinnen. Wenn etwas nicht passt, kann ich ein bisschen wild werden.“
Um 3,8 Millionen Euro übersiedelte er vor zwei Jahren von der Hertha nach Florenz. Die Gelegenheit wild zu werden, war ihm nur zehn Mal vergönnt. In der Vorsaison musste er sich hinter Star-Goalie David de Gea anstellen und ließ sich im Winter zu Salernitana verleihen. Sein Idol war mit Iker Casillas ein anderer Spanier, aber auch die Zusammenarbeit mit de Gea war eine spezielle Erfahrung: „Für Torhüter meines Alters ist er eine Legende. Er hatte eine unglaubliche Karriere, war zwölf Jahre bei Manchester United. Ich war glücklich, ein halbes Jahr mit ihm trainieren zu können.“
Nun war es jedoch an der Zeit, die echte Toskana gegen die steirische Toskana („Den einen oder anderen Wein habe ich schon gekostet“) einzutauschen. Bei Sturm trägt Christensen die Rückennummer eins, was gerade im Tormann-Metier als branchenüblich durchgeht. In Italien lief er allerdings stets mit der 53 auf.
Dies war auch bei Sturm die Wunschnummer, die jedoch schon besetzt war – und zwar ausgerechnet durch Khudyakov. „Ich war in meinem Leben noch nie bei einem Verein, bei dem die 53 vergeben war“, staunt Christensen und lacht, „also musste ich kurz nachdenken. Der Zehner war auch schon weg. Also was sollte ich sonst machen? Die 1 passt auch.“
Ernsthafte Sorgen um die 10 musste sich Otar Kiteishvili mutmaßlich nicht machen. Aber warum eigentlich die Vorliebe für die 53? „Die Postleitzahl meines Heimatorts Kerteminde ist 5300, das sind die ersten beiden Zahlen. Ich habe diese Nummer gewählt, damit meine Jungs zu Hause ein bisschen Spaß haben.“