Die bisherige Fußball-Europameisterschaft der Engländerinnen kann mit einem Wort zusammengefasst werden: Drama. Doch während Beobachter, Experten und Fans bei den diversen Rückständen schon oft an ein vorzeitiges Aus der „Lionesses“ geglaubt haben, lässt sich eine Person scheinbar nie aus der Ruhe bringen: Sarina Wiegman. Englands Teamchefin hat in der Fußball-Welt schon alles gesehen und das merkt man der 55-jährigen Niederländerin auch an.
Die Fußballkarriere von Wiegman begann bereits im Alter von sechs Jahren, als sie bei ihrem Heimatverein in Wassenaar, wo auch ihre Brüder der Kugel hinterherjagten, mit Burschen zu spielen begann. Dafür schnitt sie sich sogar die Haare ab. Vielen ihrer Freundinnen wurde es von deren Eltern verboten, mitzuspielen, und auch Wiegman wurde oft belächelt.
Doch das Talent und das Durchsetzungsvermögen der Mittelfeldspielerin waren zu hoch und so wechselte sie 1989 auf ein College in den USA, wo sie für ein Jahr unter den besten Bedingungen mit den besten Spielerinnen der Welt spielte: „In den Niederlanden dachte ich immer, ich sei anders als die anderen Mädchen, weil ich jeden Tag spielen wollte. Die Leute sagten mir: ‚Du bist zu fanatisch‘. Als ich nach Carolina ging, war es wie ein Fußballparadies für junge Frauen.“ Doch zurück zu Hause folgte der Kulturschock. Wiegman konnte, wie damals üblich, nicht vom Fußball leben und arbeitete nebenbei als Turnlehrerin.
Wechsel ins Trainergeschäft zahlte sich aus
Bis zur Geburt ihres zweiten Kindes 2003 spielte Wiegman für VV Ter Leede und 104 Mal für die niederländische Nationalmannschaft. Der Vollzeit-Einstieg in die Trainerlaufbahn kam 2007, als sie Trainerin bei der Frauenmannschaft ADO Den Haag wurde. „Es war eine riskante Entscheidung für mich, das Unterrichten aufzugeben, denn damals gab es keine Kontinuität im Frauenfußball. Aber ich wollte es einfach so gerne tun“, erzählte die Niederländerin.
Doch das Risiko sollte sich bezahlt machen. 2016 wurde sie Trainerin beim niederländischen Nationalteam und 2017 prompt Europameister. 2021 folgte der Wechsel nach England und ein Jahr später wieder der EM-Titel, mit den beiden WM-Finalteilnahmen 2019 und 2023 steht Wiegman jetzt in ihrem fünften Endspiel in Folge.
„Manche Menschen planen ihre ganze Karriere. Das ist bei mir nicht der Fall. Ich weiß, was ich will, aber ich warte, bis die Zeit reif ist – bis ich mich bereit fühle, den nächsten Schritt zu tun. Alles zu seiner Zeit“, sagte sie 2018 im Format „Coaches‘s Voice“, wo die weltbesten Trainer ihre Geheimnisse verraten. Und die Zeit für den dritten EM-Titel in Serie für Wiegman wirkt reif, zumindest wenn sie sich weiter nicht aus der Ruhe bringen lässt.