Lagebericht aus der SchweizDie Volksseele eruptiert im schweren Hagelsturm

Wie die Schweiz den Sieg gegen Frankreich erlebt hat und warum man nach dem Sieg endlich nicht mehr nur „le petit suisse“, der Käse aus der Schweiz sein will.

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Gefühlt die ganze Schweiz versammelte sich auf den Straßen © AP
 

Was für euch Österreicher Córdoba ist, ist für uns Schweizer seit Montag ... - Moment, wo haben wir noch gleich gespielt? Baku? Rom? Klagenfurt? Egal, Hauptsache, wir haben gewonnen! Gegen den Weltmeister! Sprich: Wir sind die erste große Überraschung dieser Euro!
Nicht nur für euch. Vor allem für uns selber.

Montagabend, zwei Stunden vor Spielbeginn. Von Frankreich her ziehen ultraschwarze Wolken über die Schweiz. Und wo die vorbeikommen, laden sie ab: Tennisball-große Hagelkörner. Sie zerstören unsere Erdbeeren, unseren Weißwein, unsere Fußballplätze, unsere Autos. An sich kein Problem, wir sind bekanntlich das bestversicherte Volk der Welt.

Aber: ein mieses Omen für unsere Überlebenschancen bei dieser Euro.
Wann bitte haben wir letztmals gegen Frankreich NICHT verloren? Das war schätzungsweise beim Wiener Kongress. Seither hat uns der Coq Sportif auf dem Rasen, der die Welt (oder derzeit Europa) bedeutet, nach Lust und Laune zerzaust. Hat unseren berühmten Schweizer Defensiv-Riegel perforiert, unsere hoch angesehenen Torwächter erniedrigt ... Euer altehrwürdiges österreichisches Deutschland-Trauma in Ehren – aber das ist ein Hühnerauge verglichen mit unserem genuinen nationalen Frankreich-Komplex! Deutschland mag immer noch etwas besser oder wenigstens effizienter kicken als ihr, aber einmal ehrlich: Ändert das etwas an eurem angeborenen kulturellen Überlegenheitsgefühl? Berliner Philharmoniker, Schaubühne? Lauter heurige Hasen verglichen mit den Wiener ... Was zu beweisen war.

Zum Autor

Richard Reich, geboren 1961 in Bern, war jahrelang
als Zeitungsredakteur in den Bereichen Sport, Kultur und Gesellschaft tätig. Später gründete und leitete
er das Zürcher Literaturhaus. Spielte einst selbst
Fußball bei diversen Vereinen.

Da schaut es in unserer Seele schon etwas trüber aus: Schweizer, denkst du an Frankreich, was fällt dir ein? Meere statt Seelein. Sonnenkönige statt Gemeinderäte. Eiffelturm statt Hauptbahnhof. Opéra de Paris statt Städtebundtheater Biel-Solothurn. Gault Millau statt Härdöpfel-Rösti. Paris Saint-Germain statt Young Boys Bern ... Was sagt der Franzose, fragt man ihn nach dem berühmtesten Schweizer? Nein, nicht Roger Federer, schließlich kommt der in Roland Garros ja praktisch nie über die dritte Runde hinaus ... Sondern er sagt: Der berühmteste Schweizer, c’est bien évidemment LE PETIT SUISSE. Ein Frischkäse aus der Normandie.

Montagabend, einundzwanzig Uhr, wir sitzen vor den Geräten und lassen alle Hoffnung fahren. „Die Österreicher waren so nahe dran“, knurrt ein Kollege, „und wir werden uns jetzt bis auf die Knochen ...“ „Dafür hatten wir’s besser im Lockdown“, entgegnet ein anderer Kumpel, „mit unserem Volk kann kein türkiser Kanzler Schlitten fahren und schon gar kein Président de la République!“ Aber Benzema, denken wir alle und kauen griesgrämig an unseren Grissini.

Dreiundzwanzig Uhr dreißig. Ein Urschrei gellt durch Zürichs Innenstadt, nein, es sind, je nach Internet-Provider, deren un, deux, trois, quatre! Die Volksseele eruptiert, verzückte Visagen in aufgerissenen Fenstern, in Genf strömen sogar ein paar Verwegene auf die Straße, drehen hupend ein paar Runden in ihren vom Hagel verstümmelten Renaults und Peugeots. Enfants de la Patrie, der Tag der Gloire ist arrivé!!!
Bravo!“, schreibt mein Freund Raphaël per Telegram aus Lyon, „fertig habt ihr sie gemacht, ihr seid die Größten!“ Zwei Minuten später allerdings die nächste Nachricht: „Aber nur bis Freitag, dann ist fertig lustig.“

Rapha ist aus Spanien. Und erfahrungsgemäß kennen diese königlich-südländischen Habsburger mit uns armen Ballhirten leider wirklich kein Pardon.

Kommentare (1)
Civium
0
1
Lesenswert?

Französischer

Chauvinismus hat eines drübergezogen bekommen und der schweizerische hat Nahrung bekommen!