Aggressiv“ sei die politische Stimmung in den Tagen vor der Wahl, erzählt eine Frau, die in einem Würstelstand im 11. Wiener Gemeindebezirk Simmering auf Mittagsgäste wartet. Immer wieder werde am Stand hitzig diskutiert, manchmal müsse sie dazwischen gehen.

Dabei scheint die Wiener Gemeinderatswahl im Großen schon vor dem Urnengang am Sonntag entschieden. Umfragen zufolge wird die SPÖ von Bürgermeister Michael Ludwig ihren Platz eins verteidigen können, mit großem Abstand scheint der FPÖ der zweite Platz sicher.

Blauer Bezirkschef 2015

Alles andere als geklärt ist der Wahlausgang auf Bezirksebene. Simmering, das bei Wien-Besuchern etwa für das Gasometer und den Zentralfriedhof bekannt ist, ist mit seinen rund 110.000 Einwohnern der fünftgrößte Wiener Bezirk – und bei der Wahl am Sonntag wohl einer der umkämpftesten. Viel ist davon an einem verregneten Vormittag zwei Tage vor der Wahl nicht zu spüren. „Wir haben so viel zu tun, wir reden nicht über Politik“, erzählt die Verkäuferin an einem Gemüsestand nahe der Endstation der U3. Vor dem Bahnhof haben die Parteien ihre Dreiecksständer mit Wahlplakaten aufgestellt, gelegentlich liegt ein aufgeweichter Flyer von der einen oder anderen Partei auf der nassen Straße.

ABD0006_20151022 - WIEN - ÖSTERREICH: Der voraussichtlich künftige blaue Bezirkvorsteher in Simmering, Paul Stadler, am Mittwoch, 21. Oktober 2015, während eines Interviews mit der APA in Wien. - FOTO: APA/ROBERT JAEGER
Paul Stadler (FPÖ), Bezirksvorsteher in Simmering von 2015 bis 2020 © APA / Robert Jaeger

Doch vor allem SPÖ und FPÖ haben in den Tagen vor der Wahl den traditionellen Arbeiterbezirk ganz genau im Blick. Bei der Bezirksvertretungswahl 2015 bescherten hier die Wählerinnen und Wähler der mächtigen Wiener SPÖ einen Schock, als sie FPÖ-Kandidaten Paul Stadler zum Bezirkschef wählten. Eine blaue Bezirksvorstehung hat es davor und danach in der Bundeshauptstadt nie gegeben.

17 von 23 Bezirksvorstehungen bei der SPÖ

2020 stürzte die FPÖ im Windschatten der Ibiza-Affäre in ganz Wien ab. In Simmering fielen die Blauen deutlich sanfter als in allen anderen Bezirken, dennoch bekam der Stadtteil mit Thomas Steinhart wieder einen roten Bezirksvorsteher, womit die Sozialdemokraten aktuell 17 von 23 Bezirken halten.

Doch die rote Vormacht könnte am Sonntag wackeln – nicht nur in Simmering. Kamen die Freiheitlichen in den Bezirken innerhalb des Gürtels bei der Nationalratswahl 2024 höchstens auf 15 Prozent, war ausgerechnet Floridsdorf, der Heimatbezirk des amtierenden Wiener Bürgermeisters Ludwig, der einzige Wiener Stadtteil, in dem die Freiheitlichen von Herbert Kickl auf Platz eins landeten. Die SPÖ musste sich mit dem zweiten Platz zufriedengeben. In Simmering blieben die Sozialdemokraten knapp vorne – doch mit 31,3 Prozent konnte die FPÖ ihren stadtweit größten Stimmenanteil erstreiten.

Simmering ist Wiens jüngster Bezirk

Die Demographie Simmerings ist für die FPÖ jedenfalls günstig: Mit 39,4 Jahren hat der Bezirk laut Statistik Austria Wiens jüngste Bevölkerung, in keinem anderen Bezirk ist außerdem der Anteil der Akademiker geringer, der von Personen mit Lehrabschluss höher. Österreichweit schnitt die FPÖ bei Menschen mit Lehre sowie in den Altersgruppen unter 60 besonders gut ab.

Die Frau hinter dem Würstelstand will weder SPÖ noch FPÖ, sondern der Liste des gefallenen Ex-Vizekanzlers Heinz Christian Strache ihre Stimme anvertrauen. Mit der aktuellen Stadtpolitik, besonders in Sachen Migration, ist sie unzufrieden. „Die SPÖ hat Wien ruiniert“, beklagt sie. Niemand habe etwas gegen Ausländer, „die seit Längerem in Österreich sind und arbeiten“, betont sie, doch der Zustrom an Flüchtlingen sei zu viel für die Stadt.

„Bevölkerung weiß, was gut für sie ist“

In Simmering liegt der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung bei gut 46 Prozent, Menschen mit Migrationshintergrund haben das Stadtbild geprägt. Die Simmeringer Hauptstraße ist gesäumt von türkischen Frisörgeschäften, Balkan-Bäckereien und Kebab-Imbissen.

An mehreren Türen und Auslagen kleben kleine Plakate, auf denen die türkischstämmige SPÖ-Gemeinderätin Aslihan Bozatemur um Vorzugsstimmen wirbt. Ein Kebab-Verkäufer sieht den Wahlkampf gelassen. Bozatemur „war da und hat gefragt, ob sie das aufhängen darf“, sagt er über das Plakat. Er habe dem zwar zugestimmt, „aber ich bin kein politischer Mensch“. Rot oder Blau, das sei ihm gleich.

VIENNA,AUSTRIA,22.MAR.25 - AMERICAN FOOTBALL - AFL, Austrian Football League, Vienna Vikings vs Raiders Tirol. Image shows district mayor Thomas Steinhart.
Photo: GEPA pictures/ David Bitzan
Bezirksvorsteher Thomas Steinhart (SPÖ) kämpft für ein rotes Simmering © GEPA pictures

Es seien vor allem lokale Themen, mit denen sich die Menschen im Wahlkampf an ihn gewandt haben, erzählt FPÖ-Mann Stadler, der am Sonntag auf seine Rückkehr hofft und ein „gutes Gefühl“ hat. Der Verlust von Parkplätzen, die Versiegelung bestehender Grünflächen oder zögerliche Pläne zum weiteren U-Bahn-Ausbau würden viele in Simmering beschäftigen. „Im Rathaus hört man gar nicht mehr auf die Bevölkerung, man sagt, man weiß, was gut für die Menschen ist. Dabei weiß die Bevölkerung selbst, was gut für sie ist“, sagt Stadler.

Zuversichtlich blickt aber auch die SPÖ auf den Wahltag. „Wir haben viereinhalb Jahre gute Arbeit gemacht“, sagt Bezirksvorsteher Steinhart. „Simmering ist immer ein umkämpfter Bezirk, aber wir haben in den letzten Wochen sehr viele positive Rückmeldungen bekommen.“

Wahllokale schließen um 17.00 Uhr

Entscheiden werden die Simmeringer wie auch der Rest Wiens am Sonntag. Um 17 Uhr schließen die Wahllokale, ab 18 Uhr werden erste Hochrechnungen für das Gesamtergebnis erwartet. Wie die Bezirksvertretungswahlen ausgegangen sind, dürfte sich ab 21 Uhr allmählich abzeichnen.