Bärtierchen gelten als die größten Überlebenskünstler unserer Welt. Die mikroskopisch kleinen Lebewesen können Extremtemperaturen zwischen minus 273 und plus 150 Grad Celsius, enormem Druck, einem Vakuum und sogar radioaktiver Strahlung trotzen. Mit dieser Widerstandsfähigkeit kann Andreas Babler natürlich nicht mithalten, seine Bilanz als Überlebenskünstler in einer tief gespaltenen SPÖ ist trotzdem bemerkenswert. Erst jüngst scheiterte ein eher blamabel organisierter Coup durch Ex-Kanzler Christian Kern. Deshalb tritt Babler am Samstag beim 47. Bundesparteitag in Wien als einziger offizieller Kandidat zur Wahl des Vorsitzenden an – und es käme einer Sensation gleich, wenn nicht eine Mehrheit der 623 Delegierten für den 53-jährigen Ex-Bürgermeister Traiskirchens stimmt.
Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie viel Widerstand Babler seit seiner erbittert umkämpften Kür zum Vorsitzenden 2023 entgegenschlägt. Er gewann, weil eine Mehrheit unbedingt Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil als Parteichef verhindern wollte. Seitdem pflastern Querschüsse, Wahlniederlagen und schlechte Umfragen Bablers Weg – auch als Vizekanzler in einer komplizierten Dreierkoalition mit ÖVP und Neos, in die er nur widerwillig einstieg.
Bei den Themen ist kein Streit zu erwarten
Der rote Parteitag in Wien mit 1200 Gästen steht unter dem Motto „Ordnen statt Spalten“, auf der SPÖ-Website heißt es: „Andi Babler hat in einer schweren Zeit Verantwortung übernommen und die SPÖ in die Regierung geführt. Und arbeitet seit Tag 1 daran, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen.“ Inhaltlich will er, spät, aber doch, vor allem in Sachen Migration und Integration neue, schärfere Töne anschlagen. Dabei wird allerdings nur nachvollzogen, was die Partei in der Koalition schon längst mitträgt. Ein linker Dauerbrenner ist dagegen die Forderung nach Erbschafts- und Vermögenssteuern, die mangels Einigkeit in der Regierung allenfalls in homöopathischen Dosen kommen werden. Dafür erfährt die Deckelung der Energiekosten durch den Krieg in Nahost neue Dringlichkeit.
Viel wichtiger als die inhaltlichen Debatten werden jedoch der Auftritt und die Bewerbungsrede Bablers. Schafft er es, die tiefen Gräben in der Partei zu überwinden? „Nach den Auseinandersetzungen im Vorfeld ist es sehr, sehr notwendig, dass Babler eine umarmende Rede hält und alle in der Partei mit ins Boot holt“, sagt der SPÖ-Kenner und Publizist Robert Misik zur Kleinen Zeitung. Um das zu erreichen, werde es – neben der Formulierung positiver Ziele – zudem notwendig sein, die Ereignisse in der SPÖ in den vergangenen zehn Jahren offen anzusprechen, ist Misik überzeugt. Beim roten 1.-Mai-Aufmarsch 2016 wurden die tiefen Gräben erstmals öffentlich. Kurz darauf trat Kanzler und SPÖ-Chef Werner Faymann zurück, auf ihn folgte Christian Kern.
Ruhe in der SPÖ ist möglich, aber alles andere als gewiss
Bleibt die Frage, ob Babler fähig ist, eine solche verbindende Rede in Richtung seiner Kritiker zu halten? Dazu Misik: „Sagen wir es so: Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, weil man in der Politik immer wieder Dinge tun muss, die einem nicht von vornherein in den Schoß gelegt wurden.“
Wird nach dem Parteitag endlich Ruhe in der SPÖ einkehren? „Das ist nicht sehr wahrscheinlich, aber doch möglich“, gibt sich Misik hier vorsichtig. Sicher sei jedoch, dass die Partei nicht noch einmal einen so läppisch organisierten Umsturzversuch akzeptieren werde. Bablers Ergebnis bei der Wahl zum Vorsitzenden wird einen ersten Hinweis liefern, ob diese Prognose Chancen hat. Ende 2023 erhielt er 88,8 Prozent – eine Sieben sollte wohl vorne stehen.