Nicht einmal zehn Tage vergingen zwischen der einen und der anderen Entscheidung. Kaum hatte die Bundes-ÖVP die Einladung der FPÖ zu Regierungsgesprächen angenommen, wurden im Wiener Rathaus Nägel mit Köpfen gemacht. Man werde die für Herbst geplante Wien-Wahl vorverlegen, kündigten Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und sein Vize Christoph Wiederkehr (Neos) Mitte Jänner an, als Termin wurde der 27. April gewählt.

Blau-Schwarz im Bund werde versuchen, „Wien auszuhungern und anzugreifen“, begründeten die beiden Parteichefs. Um die Stadt zu wappnen, müssten klare politische Verhältnisse geschaffen werden. Für den Wahlkampf versprach aus Sicht der SPÖ Blau-Schwarz im Bund eine zugkräftige Erzählung: SPÖ wählen, um eine rechte Mehrheit zu verhindern.

Rot-Schwarz in Wien möglich

Doch einen Monat später ist die politische Welt eine andere. Die Verhandlungen zwischen FPÖ und ÖVP sind gescheitert, stattdessen scheint eine Regierungsbeteiligung für die SPÖ im Bund wieder in Griffweite. Für einen Rückzieher ist es jetzt freilich zu spät, der Wahltermin steht, am Montag fixierten die roten Parteigremien ihre Listen.

In Bund und Bundeshauptstadt könnten nach der Wahl damit sogar die gleichen Parteien in der Regierung sitzen, wenn auch mit unterschiedlichen Mehrheitsverhältnissen. Denn in der Wiener ÖVP scheint man auf eine rot-schwarze Koalition zu hoffen; der Landtagsklub, der in den vergangenen Jahren eine durchaus harte Oppositionslinie gefahren ist, soll sich zuletzt auffällig zurückhaltend verhalten.

Allerdings ist der türkise Stadtparteichef Karl Mahrer in Turbulenzen geraten: Gegen ihn könnte Berichten zufolge eine Anklage in einer Causa rund um den Immobilienentwickler Wienwert bevorstehen. In der Partei rumort es, der Wiener Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck spricht von einer „sehr ernsten Situation“. Bisher schließt Mahrer einen Rücktritt aus, ob es dabei bleibt, könnte sich bis Freitag entscheiden, wenn die Wiener ÖVP ihre Liste für die Wahl fixiert. Unabhängig von der drohenden Anklage muss sich die Wiener Volkspartei auf herbe Verluste einstellen: 2019 hatte der Kurz-Vertraute und damalige Finanzminister Gernot Blümel als Spitzenkandidat der ÖVP Aufwind beschert.

FPÖ vor Verdreifachung

Mit einer Verdreifachung kann indes die FPÖ rechnen, der zweite Platz hinter der mächtigen Wiener SPÖ scheint ihr sicher. 2020 waren die Blauen von über 30 auf rund sieben Prozent abgestürzt, das Ibiza-Video warf seinen Schatten bis nach Wien. Dominik Nepp wird seine Partei wieder als Spitzenkandidat in den Wahlkampf führen, wann die restliche Liste fixiert wird, ist noch unklar.

Ebenso setzen Neos mit Wiederkehr auf denselben Spitzenkandidaten wie 2020. Mit einem anderen Gesicht gehen die Grünen in die Wahl: An der Spitze steht Judith Pühringer, die der ehemaligen Wiener Vizebürgermeisterin Birgit Hebein nachfolgt.

Offen ist, wer außer den bereits im Landtag vertretenen Parteien am Stimmzettel stehen wird. Die KPÖ will gemeinsam mit der Kleinpartei Links antreten, bis zum 28. Februar hat das Bündnis Zeit, Unterschriften zu sammeln. Ebenso um Unterstützung bemüht sich der ehemalige Vizekanzler Heinz Christian Strache. Er kandidierte bereits 2020 mit einer eigenen Liste, scheiterte allerdings am Einzug in den Gemeinderat. Keine Konkurrenz haben die Parteien von der Bierpartei zu befürchten: Gründer Dominik Wlazny gab kürzlich bekannt, die Partei werde bei keinen Wahlen mehr antreten.