Fast Kanzler. Und der allererste freiheitliche Regierungschef noch dazu. Ein Ziel, das sogar für die Überfigur des freiheitlichen Lagers, Kärntens verstorbener Ex-Landeshauptmann Jörg Haider, stets außerhalb jeder Reichweite lag. All das war für Herbert Kickl nach seinem Sieg bei den Nationalratswahlen und dem Scheitern der Verhandlungen zwischen ÖVP, SPÖ und Neos zum Zugreifen nahe. Zumal die Volkspartei mit der Abkehr von ihrem Versprechen, nicht mit einer FPÖ unter Kickl zu regieren, die Tür für dieses Szenario sperrangelweit aufmachte. Doch nun steht fest: Kickls Kanzlertraum platzte auf den letzten Metern.

Mit der Rückgabe des Regierungsauftrags hat FPÖ-Chef Herbert Kickl eine strategische Entscheidung getroffen – doch sie wirft eine zentrale Frage auf: Wollte er diese Koalition wirklich? Oder hat er sich von Anfang an darauf eingestellt, lieber in der Opposition zu bleiben?

Für den Verhaltensökonomen und Verhandlungsexperten Gerhard Fehr liegt dem Scheitern von Blau-Schwarz keine Irrationalität zugrunde. „Es war für alle Beteiligten eine ganz neue Situation, da gehören Fehlannahmen nun einmal ganz selbstverständlich dazu“, analysiert Fehr gegenüber der Kleinen Zeitung. Doch war es wirklich nur eine Verhandlungsdynamik mit normalen Fehlannahmen – oder ein strategischer Fehler Kickls, der sich selbst in eine Sackgasse manövriert hat?

Warum die Verhandlungen gescheitert sind

Zunächst sah es nach Fortschritten aus: FPÖ und ÖVP einigten sich überraschend schnell auf das Sparbudget für 2025 – eine Hürde, an der ÖVP, SPÖ und Neos zuvor gescheitert waren. Doch während dieser sachpolitische Durchbruch gelang, eskalierten parallel dazu die Streitpunkte um Ministerien und inhaltliche rote Linien.

„Verhandlungen haben immer mehrere Dimensionen – kurzfristige Entwicklungen werden oft stark von Emotionen getrieben“, erklärt Fehr. In der ÖVP sei die Verlustangst vor Neuwahlen ein wesentlicher Faktor gewesen, der ihre Perspektive verengte. Die FPÖ wiederum wollte genau diese Verlustangst nutzen, um eine schnelle Einigung zu erzwingen. „Doch in der Folge agierte Kickl mit einem Übermaß an Selbstbewusstsein und war nicht mehr in der Lage, sich in die Perspektive des Gegenübers zu versetzen – etwas, das bei Männern häufiger geschieht als bei Frauen“, so Fehr.

Die zentrale Fehlannahme des FPÖ-Chefs war laut Fehr, dass auch die ÖVP schnell in die Koalition wollte. Doch genau das war nicht der Fall. Hier zeigt sich ein tieferliegendes Problem der österreichischen Verhandlungskultur: „Es fehlt oft das Bewusstsein für die echten roten Linien des Gegenübers. Man verhandelt, als ob alles verschiebbar wäre – doch das ist es nicht“, betont Fehr.

Kickls strategische Sackgasse

Kickl erkannte zu spät, dass die ÖVP nicht um jeden Preis in eine Koalition gehen wollte. Während er auf eine rasche Einigung drängte, nutzte die Volkspartei die Zeit, um ihre Position zu stärken. „Die ÖVP hat erkannt, dass sie mit Geduld ihre Verhandlungsposition verbessern kann“, sagt Fehr. Das setzte Kickl unter Druck – doch anstatt seine Strategie anzupassen, reagierte er mit noch größerer Härte.

Der FPÖ-Chef hat sich damit für Fehr selbst in eine Sackgasse manövriert: „Er war zu selbstbewusst, um Kompromisse einzugehen. Er war zu ideologisch, um Mehrheiten zu gewinnen. Er war zu unnachgiebig, um eine tragfähige Koalition zu ermöglichen.“

Was bedeutet diese Entwicklung für die Zukunft der FPÖ? Kann Kickl nach diesem Verhandlungsscheitern noch glaubhaft als Kanzlerkandidat auftreten? Fehr sieht darin eine klare Weichenstellung: „Bei der nächsten Regierungschance für die FPÖ wird er gemäßigter agieren, denn in der jetzigen politischen Konstellation hat er ansonsten keine Aussicht auf die Ministerbank.“

Kann die FPÖ noch regieren?

Sollte die FPÖ den Weg in die Regierung versperrt sehen, bleibt ihr nur eine Option: sich als stärkste Oppositionskraft weiter zu radikalisieren. Doch genau darin liegt das nächste strategische Dilemma: „Je mehr sich Kickl radikalisiert, desto unwahrscheinlicher wird eine spätere Regierungsbeteiligung.“ Denn wer in Österreich nach eigenem Gutdünken seine Agenda durchsetzen will, braucht entweder eine absolute Mehrheit – oder muss sich mäßigen. „Niemand in Österreich wünscht sich eine Politik der offensiv betriebenen Disruption“, analysiert Fehr.

Für den Verhaltensökonomen bietet sich folgendes Fazit an: Kann jemand, der lieber in der Opposition bleibt, als zu gestalten, jemals Kanzler werden? „Mit dieser Entscheidung hat Kickl nicht nur die aktuelle Regierungsbildung verhindert, sondern auch seine eigene politische Zukunft als Kanzlerkandidat infrage gestellt“, ist Fehr überzeugt. Die zentrale Frage laute nicht mehr: „Will die FPÖ regieren? Sondern: Kann sie es überhaupt noch?“