Karl Nehammer zieht sich nach dem Abbruch der Koalitionsverhandlungen mit der SPÖ als Kanzler und ÖVP-Chef „in den nächsten Tagen“ zurück. Das sagte er am Samstag in einem via Social Media verbreiteten Video. „Nimm dich selbst nicht so wichtig“ sei ein Satz, den ihm sein Vater mitgegeben habe. Er werde einen geordneten Übergang ermöglichen, es sei ihm eine Ehre gewesen, dem Land zu dienen.
Koalitionsgespräche mit der SPÖ beendet
Davor hatte die Volkspartei die Gespräche mit der SPÖ über die Bildung einer neuen Regierung abgebrochen. Eine Einigung sei in wesentlichen Kernpunkten nicht möglich, lautete die Begründung. Der innerparteiliche Druck auf Nehammer war zuletzt gestiegen.
Karl Nehammer: Der Hobby-Boxer ging letztendlich doch k.o.
Etwa 100 Tage nach der Nationalratswahl am 29. September 2024 muss Karl Nehammer als ÖVP-Parteichef und auch als Bundeskanzler seinen Hut nehmen. Ausgeknockt hat er mit dem Wahlergebnis der letzten Nationalratswahl die Konkurrenz nicht, selbst k.o. gegangen ist VP-Chef Karl Nehammer damals noch nicht. Mit einem durch das Hochwasser etwas aufgepäppelten Kanzlerbonus und einer biederen inhaltlichen Agenda ist es dem Regierungschef vorerst gelungen, der Volkspartei trotz Rekordminus einen Totalabsturz zu ersparen und die Hoffnung auf eine Rückkehr auf den Ballhausplatz am Leben zu erhalten.
Parteisoldat und Berufspolitiker
Nehammer, der sich auch schon einmal gerne als Hobby-Boxer inszenierte, war in gewisser Weise der Prototyp des Profi-Politikers, manche mögen auch sagen eines Parteisoldaten. In der niederösterreichischen Volkspartei, die die Zügel auch in der Bundespartei fest in den Händen hält, diente sich der Wiener durch die unterschiedlichsten Funktionen nach oben, bis er es nach einer Station im Generalsekretariat des ÖAAB an die Spitze der Parteizentrale schaffte. Die nächste Stufe war das Innenministerium und als das Kanzleramt frei wurde, schritt Nehammer entschlossen durch dessen Tür.
Als übermäßig charismatisch erwies sich der zweifache Vater in keiner seiner Funktionen, was wohl auch ein Mitgrund war, dass sich nie ein echter Kanzlerbonus ergab. Für den Glamour sorgte da schon mehr seine rührige Ehefrau. Er selbst wirkt immer ein wenig steif, aber dann auch als jemand, der es eigentlich gut meint und das nicht nur mit der eigenen Partei, sondern auch mit dem Land und seinen Leuten.
Loyal und verlässlich
Das ist wohl einer der Gründe, warum er - wiewohl Bundeskanzler - während seiner Laufbahn wenige Feinde hatte, auch nicht in den anderen Parteien, von der FPÖ einmal abgesehen. Nehammer galt als loyal und verlässlich, im persönlichen Umgang kulant, stets freundlich. Das heißt nicht, dass ihm nicht auch einmal die Pferde durchgehen können. Sein Burger-Sager in Sachen Armutsbekämpfung machte ihm lange zu schaffen. Auch dass er bezüglich der Durchsetzung der Corona-Maßnahmen die Polizei als „Flex“ schilderte, ließ den ein oder anderen an seiner Formulierungskunst zweifeln.
Im Wahlkampf bewies Nehammer, der es beim Heer bis zum Leutnant brachte, jedoch eiserne Disziplin. Die ÖVP zog eine stringente Kampagne durch mit Themen, die liberale und linke Wähler außen vor ließen. Die Konzentration galt der Rückeroberung freiheitlicher Wähler, da konnte man es auch da und dort ein wenig retro anlegen, etwa wenn Nehammer Österreich zum Verbrenner-Land machen wollte. Letztlich konnte man zwar den Abstand ein wenig reduzieren, doch schien den Wählern bei diesen Themen die FPÖ wohl glaubwürdiger. Nehammers empörtes Nein zur EU-Renaturierung focht auch das Hochwasser nicht an, durch das er sich als ernster Krisenmanager kämpfte.
Als ein gewisses Steckenpferd entwickelte sich in seiner Kanzlerschaft die Außenpolitik. Österreichs Beitritt zum „Skyshield“ machte Nehammer zum Prestigeprojekt. Weniger glorios verlief seine Friedensmission bei Russlands Präsident Wladimir Putin, deren einziger Erfolg war, dass Nehammer zumindest ohne peinliche Bilder von der Begegnung wieder nach Hause kam.
Vielleicht die folgenreichste Festlegung des Nehammer-Wahlkampfs war, dass für ihn eine Regierungszusammenarbeit mit FPÖ-Chef Kickl ausgeschlossen ist. Nun wurde der Druck innerhalb der Partei zu groß - die Partei geht ohne Karl Nehmmer den nächsten Schritt. Ob es eine Blau-Schwarze-Koalition oder Neuwahlen werden, ist derzeit noch unklar.