Die Herausforderungen für die nächste Regierung sind groß. Schon jetzt fließen zwölf Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts in die Gesundheit, rechnet Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer vor. Ohne entscheidende Reformen könnte sich dieser Anteil bis 2050 verdoppeln. Immerhin wird die österreichische Bevölkerung immer älter, der Anteil der über 65-Jährigen steigt. Schon heute wächst die Unzufriedenheit mit dem Gesundheitssystem, Menschen berichten von langen Wartezeiten auf Eingriffe und Schwierigkeiten, überhaupt einen Termin in einer Kassenpraxis zu bekommen.
Die Weichen, wie es weitergehen soll, werden aktuell in den Regierungsverhandlungen gestellt. In einigen Punkten dürften sich ÖVP, SPÖ und Neos durchaus einig sein. In allen drei Wahlprogrammen wird etwa der Ausbau von Primärversorgungszentren oder die Wichtigkeit von Prävention und digitalen Angeboten betont. Anderswo könnte Einigung schwieriger werden: Die SPÖ will etwa einen „Rechtsanspruch auf einen Behandlungstermin“ sowie eine Verdoppelung der Medizinstudienplätze. Die Neos fordern umfassende Strukturreformen, darunter eine Finanzierung des Gesundheitssystems aus einer Hand. Am Donnerstag liefen in der zuständigen Untergruppe noch Verhandlungen.
Gesundheitssystem „sehr spitalslastig“
Einer der Verhandler ist Andreas Huss, ÖGK-Obmann und Vorsitzender des Dachverbands der Sozialversicherungsträger. Das österreichische Gesundheitssystem sei „sehr spitalslastig“, sagt Huss bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS). Der niedergelassene Bereich müsse gestärkt werden, 300 Primärversorgungseinrichtungen brauche es etwa bis 2030, darunter spezielle für Kinder und Frauengesundheit. Auch sei man in Österreich „zu ärztelastig“ unterwegs, andere Gesundheitsberufe würden zu wenig in die Versorgung von Patienten eingebunden.
Czypionka hebt die Wichtigkeit von Gesundheitskompetenz und -bildung hervor. „Dort kann man viel machen, ohne, dass hohe Kosten entstehen“. Auch brauche es den Ausbau einer „integrierten Versorgung“, also eine bessere Vernetzung und Zusammenarbeit der unterschiedlichen Sektoren, Fachrichtungen und Gesundheitsberufen.
Kassenärzte verdienen laut Studie mehr
Wenig zuversichtlich, dass unter Türkis-Rot-Pink große Reformen umgesetzt werden, zeigt sich Pichlbauer im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. „Es wird immer nach ‚mehr‘ geschrien, aber nicht nach ‚wirksamer‘“, sagt der Gesundheitsökonom. So würden Kosten steigen, gleichzeitig aber auch Versorgungslücken im öffentlichen Gesundheitssystem wachsen. „Was im öffentlichen Bereich verschlafen wurde, wird sich der private zurückholen.“ Würden Menschen allerdings mehr Geld für private Gesundheitsversorgung ausgeben, müssten sie anderswo sparen, erklärt Pichlbauer. „Dann kauft sich jemand statt einem Motorrad eine Zusatzversicherung“, langfristig leide darunter die Wirtschaft.
Indes rührt Huss die Werbetrommel für das Kassenarztdasein. Die Einkünfte von niedergelassenen Vertragsärzten aus selbstständiger und unselbstständiger Tätigkeit seien 2022 mit einem Median von jährlich rund 201.000 Euro rund doppelt so hoch wie jene von Wahlärzten, ergibt eine Studie, die das IHS im Auftrag der Sozialversicherungen durchgeführt hat. Nicht berücksichtigt wurde allerdings die jeweilige Arbeitszeit – diese dürfte bei Wahlärzten oft deutlich geringer ausfallen als bei Vertragsärzten. Große Einkommensunterschiede zeigt die Studie allerdings zwischen den einzelnen Fachrichtungen. Auch lägen die Einkünfte von Ärztinnen rund ein Viertel unter denen ihrer männlichen Kollegen. Gründe dafür seien laut Czypionka wohl die von Männern und Frauen gewählten Fächer sowie familiäre Umstände.