Sie sind in Russland geboren, doch haben jetzt Ihr Land verlassen. Wie kam es dazu?

SERGEJ: (Name von der Red. geändert) Ich hatte das eigentlich nie vor. Ich arbeitete als Historiker bei der Menschenrechtsorganisation Memorial. Teil unserer Arbeit bestand darin, Unrecht aus der Zeit der Stalin-Jahre aufzuarbeiten, Dokumente staatlicher Archive zu prüfen. Meine Aufgabe war es auch, den Menschen heute historisches Wissen über diese Zeit zu vermitteln. Ich tat dies im Wesentlichen aus Anteilnahme mit jenen, die damals unter den Repressionen litten, und mit ihren Familien. Doch der heutige russische Staat lehnt diese Arbeit ab und hat Stalin "weißgewaschen". In den Monaten vor Ausbruch des Kriegs in der Ukraine geriet unsere Organisation stark unter Druck; wir mussten uns schon länger als "ausländische Agenten" bezeichnen, schließlich wurde unsere Organisation verboten.



Wann fiel Ihre Entscheidung?

Als unsere Arbeitsräume durchsucht wurden. Sie konfiszierten alles – unsere Computer, Aufzeichnungen, alles. Ich saß währenddessen mit meinen Kollegen in einem Café in der Nähe unserer Büros. Wir begriffen, dass es der Geheimdienst FSB war, der die Razzia durchführte. Wenige Monate zuvor hatten wir einen Film über den Holodomor, die Hungersnot in der Ukraine in 1930er-Jahren gezeigt. Damals stürmte eine Gruppe aggressiver junger Leute unsere Räumlichkeiten und beschimpfte uns als Verräter, die die sowjetische Geschichte fälschen würden. Als wir jetzt sahen, dass die FSBler bei der Razzia auch noch das Z-Symbol, das Zeichen der Putin-Treuen, auf die Wände sprühten, verfiel ich in Panik-Modus. Überall, auch bei den Medien, wurden mit Kriegsbeginn die letzten unabhängigen Stimmen zum Verstummen gebracht.

Putin hat seine Rhetorik gegenüber Kritikern im eigenen Land verschärft, bezeichnete sie als "Verräter und Abschaum", den die Gesellschaft "ausspucken werde".

Es war klar, dass eine Verhaftungswelle bevorsteht. Ich entschied noch am selben Tag auszureisen, über Armenien. Und ich bin bei Weitem nicht der Einzige. In Jerewan sind derzeit so viele geflüchtete Russen, dass ich nicht durchs Stadtzentrum gehen konnte, ohne einem meiner Freude oder Bekannten zu begegnen. Zugleich ist auch die Ausreise nicht ungefährlich. Ich höre immer öfter von Leuten, die an der Grenze stundenlang aufgehalten und verhört werden, ihre Mobiltelefone und E-Mails werden kontrolliert. Es war eine große Erleichterung für mich, als ich in Armenien ankam und schließlich hier in Österreich; dass ich morgens wieder aufwachen kann, ohne Angst haben zu müssen, dass sie an meine Tür hämmern, um mich abzuführen.



Wovon leben Sie hier?

Alles, was ich habe, ist Bargeld, das ich mitbrachte; meine Kreditkarte kann ich wegen der Sanktionen nicht mehr benutzen. Ich möchte gerne arbeiten und Geld verdienen, aber ob mir das hier erlaubt wird, ist unklar. Auch habe ich meine Zweifel, ob ich überhaupt hier bleiben kann. Zurück nach Russland kann ich unter dem jetzigen Regime nicht gehen. Jeder, der nicht die Linie des Kremls vertritt, ist dort jetzt in Gefahr.

Was ging in Ihnen vor, als in der Ukraine der Krieg ausbrach?

Ich stand, wie viele, vollkommen unter Schock. Es war unvorstellbar für mich, dass unsere Armee ein Land angreifen würde, wo wir alle viele Freunde und Verwandte haben; ich war selbst in meiner Kindheit oft in der Ukraine. Angesichts der Barbarei in Butscha fehlen mir die Worte.

Hätte die russische Gesellschaft das "Monster", wie der Dichter Sorokin die Gewalttätigkeit der jetzigen Führung nannte, aufhalten können?

Diese Frage stelle ich mir die ganze Zeit. Ich selbst war zehn Jahre lang regelmäßig bei Protesten und habe versucht, etwas zu bewirken. Doch es gelang nicht. Es gibt Verhaftungen; darüber hinaus werden Proteste einfach ignoriert. Einen Fehler, den wir uns vorzuwerfen haben, ist, dass die Gesellschaft und die Opposition zu wenig reagiert haben, als Putin 2014 die Krim annektierte. In Wahrheit war schon das der Regelverstoß. Doch ob wir den jetzigen Krieg hätten verhindern können? Wir hätten es müssen – doch ich sehe nicht, wie. Diese Schuld wird unser restliches Leben und das weiterer Generationen prägen.


Lässt sich der russische Staat, mit oder ohne Putin, überhaupt reformieren, ohne sich mit den Kriegsverbrechen zu befassen?

Viele Menschen wollen nichts hören über die dunkle Seite des russischen Staates, weder über die der Vergangenheit noch über die jetzige. Der Alltag ist für viele nicht gerade einfach; die Leute haben keinen Kopf dafür, sich mit Dingen zu befassen, die sie noch mehr bedrücken. Wer ihnen die Wahrheit über mögliche Verbrechen erzählen will, wird schnell zum Verräter. Dazu kommt die jahrelange Gehirnwäsche, die ihnen erklärt hat, der Westen sei Russland gegenüber feindlich eingestellt. Dennoch bin ich überzeugt davon, dass sich etwas verändern wird. Ich will nicht glauben, dass wirklich so viele Leute in Russland Gewalt im Herzen tragen. Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die das System und insbesondere den Krieg ablehnen. Vieles hat eher mit Angst zu tun. Als Historiker gehe ich davon aus, dass auf die jetzige, verhärtete Zeit ein Tauwetter folgen wird, wie es 1953 nach Stalins Tod dann unter Chruschtschow einsetzte. Ein Tauwetter sollte auch fundamentale Veränderungen in der staatlichen Struktur mit sich bringen.

Wie wird es für Sie persönlich weitergehen?

Wenn der Punkt kommt, an dem in Russland wieder Reformen möglich sind, werde ich auf alle Fälle heimkehren. Ich möchte unbedingt mitgestalten. Selbst wenn unser Land zu dem Zeitpunkt in einer Wirtschafts- oder gar Hungerkrise stecken sollte, werde ich zurückkehren.

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