Zum Tod von SassoliVom Starmoderator mit Charme zum EU-Parlamentschef

Der Sozialdemokrat war für die Italiener seit langem ein vertrautes Gesicht: Jahrelang moderierte der gebürtige Florentiner die RAI-Abendnachrichten, schließlich wurde er EU-Parlamentschef. Ein Porträt.

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David-Maria Sassoli
David-Maria Sassoli: Vom Starmoderator mit Charme zum EU-Parlamentschef. © (c) AP (Jean-Francois Badias)
 

Der Präsident des Europaparlaments, David Sassoli, ist tot. Er sei Dienstagfrüh im Alter von 65 Jahren in der Gemeinde Aviano in der Region Friaul-Julisch Venetien gestorben, sagte Sprecher Roberto Cuillo. Am Montag hatte ein Sprecher des EU-Parlaments mitgeteilt, dass Sassoli in einem Krankenhaus in seinem Heimatland Italien behandelt werde. Der Aufenthalt sei "wegen einer schweren Komplikation aufgrund einer Funktionsstörung des Immunsystems" erforderlich geworden.

Als er im Juli 2019 zum EU-Parlamentspräsidenten gewählt wurde, war David Sassoli vielen unbekannt. Doch für die Italiener war der Sozialdemokraten schon jahrzehntelang ein vertrautes Gesicht. Schließlich war der in der Nacht zum Dienstag im Alter von 65 Jahren verstorbene Sassoli lang ein beliebter Moderator der RAI-Abendnachrichten.

Mit seinen blauen Augen, seinem toskanischem Charme und einem dynamischen Stil war Sassoli als Fernsehmoderator in Italien beliebt und erfolgreich. Seine Karriere als Journalist begann der 1956 in Florenz geborene Sassoli bei lokalen Zeitungen, bevor er 1985 in die römische Redaktion der Mailänder Tageszeitung "Il Giorno" wechselte. 1992 schaffte er den Sprung zu TG3, dem Nachrichtensender von RAI 3. Dabei befasste er sich vor allem mit der Mafia und organisierter Kriminalität.

Wechsel in die Politik

1999 kam er als Sonderkorrespondent in die Redaktion von TG1, der Hauptnachrichtensendung von RAI 1. Jahrelang moderierte er die Abendnachrichten. 2007 wurde er Vize-Chefredakteur von TG1 und Verantwortlicher für mehrere Programme, bei denen aktuelle Nachrichten vertieft wurden. Von 2004 bis 2007 war er Vorsitzender des römischen Journalistenverbands.

2009 kandidierte er in den Reihen des PDS, Vorgängerpartei des heutigen Partito Democratico (PD), für einen Sitz im EU-Parlament und eroberte dabei in seinem mittelitalienischen Wahlkreis 412.500 Vorzugsstimmen. Daraufhin versicherte er, er wolle der Politik den Rest seines Lebens widmen. Drei Jahre später musste Sassoli jedoch eine schwere Enttäuschung hinnehmen. Er beteiligte sich an Urwahlen in Rom für die Kür des linken Bürgermeisterkandidaten, verlor jedoch im Duell gegen den Genueser Chirurgen Ignazio Marino, der später zum Stadtchef gewählt wurde.

Der überzeugte Pro-Europäer Sassoli kandidierte im Jahr 2014 erneut bei den EU-Parlamentswahlen, als seine PD-Partei - beflügelt vom politischen Erfolg des damaligen Premiers Matteo Renzi - ein Rekordhoch von 40,8 Prozent der Stimmen erreichte. Die Vorzugsstimmen Sassolis halbierten sich gegenüber der Wahl im Jahr 2009, doch im Juli 2014 rückte er mit 393 Stimmen zum Vizepräsidenten des EU-Parlaments auf.

Für Menschenrechte und ein starkes Europa

Ein weiteres Kapitel von Sassolis politischer Karriere wurde bei der EU-Wahl im Mai 2019 geschrieben. Der Florentiner schaffte seine dritte Wiederwahl mit 128.533 Vorzugsstimmen. Als Präsidenten des Europaparlaments folgte er einem weiteren Italiener, dem Vertrauten von Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi, Antonio Tajani.

Als EU-Parlamentspräsident war Sassoli an vorderster Front für Menschenrechte und ein starkes Europa eingetreten. Zuletzt würdigte er den bei der Verleihung des Sacharow-Preises den in Russland inhaftierten Kreml-Kritiker Alexej Nawalny. Unter seiner Präsidentschaft trieb das Parlament den neuen Rechtsstaatsmechanismus voran, der Sanktionen gegen Länder wie Ungarn und Polen ermöglicht. Streit hatte Sassoli 2020 mit der französischen Regierung, weil die Sitzungen am Anfang der Corona-Pandemie nur in Brüssel stattfanden - Frankreich forderte eine rasche Rückkehr nach Straßburg.

Die pro-europäische Front würde Gefahr laufen, gespalten zu werden, und das würde gegen meine Geschichte, unsere Überzeugungen und unsere Kämpfe verstoßen.

David Sassoli

Im vergangenen Dezember hatte Sassoli beschlossen, nicht für ein zweites Mandat zu kandidieren. "Die pro-europäische Front würde Gefahr laufen, gespalten zu werden, und das würde gegen meine Geschichte, unsere Überzeugungen und unsere Kämpfe verstoßen. Das kann ich nicht zulassen. Ich möchte die pro-europäische Mehrheit nicht spalten", erklärte Sassoli. Einer ursprünglichen Absprache der großen Parteien von 2019 zufolge sollte die EVP den nächsten EU-Parlamentspräsidenten für die kommenden zweieinhalb Jahre stellen.

Sassoli war seit September von schweren Gesundheitsproblemen geplagt. Im September wurde er wegen einer Lungenentzündung im Krankenhaus behandelt. Daraufhin war er wieder in der Öffentlichkeit aufgetreten, schien jedoch von der Funktionsstörung des Immunsystems schwer gezeichnet, die ihn in der Nacht auf Dienstag zum Tod geführt hat.

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