Taliban rücken näher an Kabul Wie der Afghanistan-Krieg der USA so fundamental scheitern konnte

Die Taliban kehren die Machtverhältnisse, die die Nato in Afghanistan durchsetzen wollte, innerhalb weniger Tage um. Diese Schmach haben die USA einer Reihe strategischer Fehler zu verdanken. Ob der Einsatz wirklich vorbei ist, bleibt offen.

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Die Taliban rücken immer weiter vor
Die Taliban rücken immer weiter vor © AFP
 

Mit ihrer „Koalition der Willigen“ haben die USA unter George Bush die Taliban im Oktober 2001, nach den Anschlägen vom 11. September, gestürzt. Die Islamisten hatten Al-Kaida-Chef Osama bin Laden Unterschlupf gewährt. Doch trotz einer zwei Jahrzehnte dauernden internationalen Truppenpräsenz überrennen die Taliban nun nach dem Rückzug der Nato-Truppen eine Stadt nach der anderen. Selbst die Hauptstadt Kabul könnte nach Einschätzung der US-Geheimdienste bald an die Islamisten fallen.

Inzwischen hat sich die Sicherheitslage so zugespitzt, dass die USA und Großbritannien trotz ihres Abzugs gleichzeitig auch wieder Soldatinnen und Soldaten nach Kabul schicken, um eine geordnete Reduzierung ihres Botschaftspersonals abzusichern. Auch Deutschland will das Personal seiner Botschaft in Kabul in den nächsten Tagen auf das „absolute Minimum“ reduzieren. Wie konnte der Afghanistan-Einsatz des Westens dermaßen schiefgehen?

Taliban rücken näher an Kabul heran

Die militant-islamistischen Taliban setzen ihren Vormarsch in Afghanistan fort und rücken dabei immer näher an Kabul heran. Am Samstag habe es Gefechte um Maidan Shar gegeben, Hauptstadt der rund 35 Kilometer von der afghanischen Hauptstadt gelegenen Provinz Maidan Wardak, sagte die Abgeordnete Hamida Akbari der Deutschen Presse-Agentur. In Kabul trafen unterdessen erste US-Soldaten ein, die Evakuierungen sichern sollen.

Taliban-Kämpfer haben am Samstag mit der Großstadt Mazar-i-Sharif die letzte Hochburg der afghanischen Regierung im Norden des Landes eingenommen. Sicherheitskräfte flohen zur usbekischen Grenze, wie ein Provinzbeamter am Samstag laut Reuters mitteilte. "Die Taliban haben die Kontrolle über Mazar-i-Sharif übernommen", sagte Afzal Hadid, Leiter des Provinzrats von Balkh.

Die viertgrößte Stadt von Afghanistan fiel offenbar kampflos an die Taliban. Die Soldaten hätten ihre Ausrüstung zurückgelassen und sich auf den Weg zum Grenzübergang gemacht. "Alle Sicherheitskräfte haben die Stadt verlassen", sagte Hadid, auch wenn es in einer Gegend außerhalb des Stadtzentrums noch zu sporadischen Zusammenstößen gekommen sei.



Wir sind mit der Idee nach Afghanistan gekommen, eine starke Zentralregierung zu schaffen. Das war ein Fehler“, sagte der US-Sondergeneralinspekteur für den Wiederaufbau Afghanistans, John Sopko, Ende Juli im Gespräch mit US-Journalisten. Die Experten hätten gewusst, dass das Land für eine solche Regierungsstruktur nicht geeignet ist, aber „niemand hat auf sie gehört“.

Wenn Biden den afghanischen Kräften nicht bald mehr Hilfe zusagt, könnten Al Kaida und die Taliban den 20. Jahrestag der Anschläge vom 11. September damit feiern, unsere Botschaft in Kabul niederzubrennen.

Mitch McConnell, republikanischer Senator


Nach Sopkos Einschätzung setzten sich die US-Generäle in Afghanistan vor allem kurzfristige Ziele, um bei ihrem Abgang zwei oder drei Jahre später einen Erfolg präsentieren zu können. Dabei hätten die Wiederaufbaubemühungen Zeit und Aufmerksamkeit erfordert angesichts der logistischen Herausforderungen in einem Land, in dem nur 30 Prozent der Bevölkerung rund um die Uhr Strom haben.

Auch ein kürzlich veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) benennt klar die Fehler Washingtons: „Die Tendenz der USA, kurzfristigen militärischen Erfolgen Vorrang vor der Schaffung wirklich demokratischer Institutionen oder dem Schutz der Menschenrechte zu geben, hat der US-Mission und allen Wiederaufbaubemühungen nach 2001 einen tödlichen Schlag versetzt.“ Und ein wichtiges Argument führt der ehemalige Pentagon-Berater Carter Malkasian an: „Die bloße Anwesenheit der Amerikaner in Afghanistan setzte sich über die Idee einer afghanischen Identität hinweg, die auf Nationalstolz, einer langen Geschichte des Kampfes gegen Eindringlinge und einer religiösen Verpflichtung zur Verteidigung des Heimatlandes beruht“, schreibt Malkasian.



Der britische Verteidigungsminister Ben Wallace schloss indes nicht aus, erneut britische Soldaten nach Afghanistan zu schicken. Das könne der Fall sein, wenn sich dort die Extremisten der Al Kaida in einer Weise aufstellten, dass sie den Westen bedrohten, so Wallace. Afghanistan-Experten wie Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network sehen Chancen, dass es anders kommen könnte: „Ich persönlich glaube nicht, dass die Taliban so dumm sind, sich wieder mit Gruppen wie Al Kaida einzulassen und damit Antiterrorschläge auf ihr Land zu provozieren“, sagt Ruttig. „Ich denke, sie haben dazugelernt.“

Wir bleiben hier, solange es geht. Aber wir wissen nicht, wie sich die Taliban nach der Machtübernahme verhalten werden.

Stefan Recker, Caritas International


In Doha dauern die Gespräche zwischen Taliban- und Regierungsvertretern für eine politische Lösung, die alle Seiten einbindet, weiter an. Aber die Hoffnungen, dass diese zustande kommt, schwinden: Die Taliban schaffen Fakten, die sie sich am Verhandlungstisch nicht nehmen lassen werden.

Republikaner in Washington kritisieren Biden scharf und fordern, er müsse der afghanischen Zentralregierung beistehen. Militärexperten argumentieren, die USA könnten zumindest noch versuchen, Kabul aus der Luft und wohl auch mit Bodentruppen vor den Taliban abzuschirmen – in der Hoffnung, sie damit doch noch zu echten Verhandlungen über eine Machtaufteilung zu bewegen

Kommentare (46)
mahue
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Manfred Hütter: Weltpolizisten spielen ist überholt

Wenn die Regierungen der großen Staaten der Welt glauben, sie können in der dritten Welt mit militärischem Einsatz etwas zum Positiven bewegen, dann sind sie kurzsichtig. Nichts in der Richtung hat in den letzten 70 Jahren funktioniert. Ich bin der Meinung es wurde in Ländern, wo Bürgerkrieg herrscht nur alles doppelt so schlimm.
Eine Frage stelle ich mir. Regierungstreue Soldaten laufen jetzt in Scharen zu den Taliban über.
Welchen sollen wir jetzt in Österreich Asyl gewähren, wenn sie bis zu uns über viele Grenzen durchkommen. Die Prüfung der Asylgründe stelle ich mir als unlösbar vor, ist es nicht doch ein talibanischer Wirtschaftsflüchtling oder einer der alten Regierungsgarde.
Weil der arme wirklich Betroffene hat ohnehin nicht das Geld zu flüchten.

heri13
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Welchen krieg haben die amis seit dem zweiten Weltkrieg noch gewonnen?

Korea-Vietnam -Afghanistan waren kräftige Hiebe,die sie bekommen haben.

einmischer
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heri13

Du hast in diesen Fällen natürlich recht.
Einwerfen möchte ich aber: Hätten sich die Amis nicht im Jugoslawien-Krieg engagiert,…….wer weiß wo der Wahn der Serbenführer hingeführt hätte.
Europa würde heute noch über die Schärfe der wöchentlichen Protestnote an die Kriegstreiber in diversen Kommissionen beraten.

valentine711
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Der Westen

sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass es keinen Sinn hat, muslimischen Staaten ein politisches System aufzuzwingen, das diese zutiefst ablehnen, zumal es sich ja noch dazu um ein System der verhassten Ungläubigen handelt.
Ein Großteil der Afghanen will offensichtlich einen Gottesstaat. So ist es nun einmal, es ist ihre Entscheidung, man nehme es zur Kenntnis.

david965bc
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v

Dann sollen sie aber auch in Afghanistan bleiben, tun sie aber nicht immer.

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bist du dir sicher,

dass man einen Mörder machen lassen soll, was ihm offensichtlich Spass macht???? bist du dir sicher, dass es den Afghanen Spass macht, von Mördern beherrscht zu werden, mit absoluter Unterdrückung, vor allem auch der Frauen???...gehts noch?

ted62
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Tatsache

Was für eine Überraschung. Die Amerikaner haben noch NIE einen Krieg gewonnen, wenn sie alleine waren. Im 2.Weltkrieg waren sie nur ein Teil der alliierten Streitkräfte.

checker43
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Kriege

gegen Japan, Irak, Spanien, Mexiko, Frankreich wurden quasi alleine gewonnen.

harri156
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Alles wird gut !!!

Schallenberg hat die Taliban aufgefordert zurück an den Verhandlungstisch zu gehen. Bald wird verkündet: „Kurz und Schallenberg stoppen die Taliban!“

melahide
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Kurz

wird den Afghanistan-Krieg einfach für beendet erklären und passt schon!

GordonKelz
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Einer der unzähligen Gottesstaaten ,die nie

..vom Fleck kommen...mit Mühe das Mittel-
alter erreicht, das genügt diesen Religionen und ganz besonders den Fanatikern...
Stellen sie sich vor, wo alle diese Religions-
staaten heute wären, hätte man das Öl in ganz anderen Teilen der Welt gefunden....
Gordon

ReinholdSchurz
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Hiroschima und Nagasaki 🤦🏻‍♂️

Das können die Amis von oben herab Menschen töten 🤫

ordner5
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Zweifel bleiben.

Afghanischer Präsident bedankt sich bei seiner Armee für den Mut seiner Soldaten. Fragt sich mit welcher raffinierten Strategie diese jungen Helden, es bis zum Sozialamt – Wien schafften.

checker43
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Na

alle Soldaten sind nicht in Wien, das wären ein paar hunderttausend. Und unter 18-Jährige werden auch keine Soldaten sein.

zill1
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USA

Die Amerikaner haben da unten so viele Zivilisten getötet das man fast raten muss wer das größere Übel ist ! Taliban oder Amis ! Und jetzt wo ein paar tausend Taliban das grosse Amerika besiegt haben laufen die Feiglinge davon ! Zuerst den Irak verloren ,jetzt Afghanistan! STOLZES AMERIKA !

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du erzählst unsinn

und du weisst das auch.....als ein deutscher oberst einen tankzug irrtümlich bombardieren ließ, gab es monatelang Aufregung bei uns.....ebenso, als die amis versehentlich eine Hochzeitsgesellschaft bombardiert hatten......wenn die usa ordentlich gebombt hätten , gäbe es diese vögel nicht mehr

Shiba1
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Da braucht man nicht zu raten..

Die sind/waren beide ein riesen Übel für das Land
Die Taliban demonstrieren übrigens deutlich: der Islam gehört zu Europa / Österreich / Deutschland.
Wenn diese Religion die Oberhand gewinnt, dann haben wir es gehabt...

griesbocha
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Du verkennst die Lage. Die Taliban besiegen die Afghanischen Streitkräfte, nachdem die USA abgezogen sind.

Lesen bildet.

zill1
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Bildung

Die Amerikaner flüchten weil sie sehen das sie diesen Krieg nie gewinnen können ! Also ziehen sie lieber ab ! Ist genauso feige ! Von den zahlreichen Kriegsverbrechen der Amis reden wir gar nicht! Die Taliban sind Verbrecher aber die Amis bringen genauso Leid ins Land ! Um das zu wissen muss man nicht gebildet sein ! Die Taliban haben noch keine Atombombe gezündet

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kleiner nachtrag noch.....

geh davon aus, dass die Taliban, wenn sie es könnten, mit sicherheit eine Atombombe auf eine westliche Stadt werfen würden.....lieber heute als morgen

scionescio
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@zill: warum muss eigentlich die USA die Polizei für den ganzen Planeten spielen und alle anderen schauen zu?

Als Österreicher muss man auch ganz ruhig sein - unseren Abzug und die Aufgabe des UN-Mandats schon vergessen?

zill1
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USA

Ohne die Amis gäbe es weniger Krieg! Irak ohne Grund angegriffen ! Afghanistan besetzt ! Kriegsverbrechen durch US Soldsten ohne Strafe ! Und der der die Wahrheit veröffentlicht hat über die Soldaten ist heute kein freier Mensch mehr!

hbratschi
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boah, zill1,...

...jetzt greifst aber ganz schön in die vollen...

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lernens geschichte.....

die atombombe wurde gezündet, um den krieg in asien um monate, wenn nicht jahre zu verkürzen und damit eigene opfer zu vermeiden (letztlich ja auch japanische)....ist doch völlig normal.....japan hätte noch weiter (sinnlos) fanatisch gekämpft......ein staat, der seine soldaten schützt und nicht verheizt,, ist mir sehr angenehm....nebenbei ist das 80 Jahre her, was also soll diese Erwähnung?

Shiba1
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Lernens Geschichte

Wäre Ihnen zu raten, FRED

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hast recht....

deine wahrheit hörst du auch jeden freitag beim gebet....alles klar...geh davon aus, dass ich davon ein wenig mehr ahnung habe als viele hier.....und sei froh, dass du hier bei uns leben darfst und nicht in einem hochgelobten gottesstaat

 
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