Das Virus verpflichtet die zwei zu striktem Abstand. Die Zeiten, als Benjamin Netanjahu und Sebastian Kurz vor der Welt mit unmaskiertem Antlitz ihre Freundschaft zelebrierten, sind nach einem Jahr Pandemie nur noch eine ferne Reminiszenz. Doch wo sich die Mimik nicht entfalten darf, sollen die Worte Ausgleich schaffen: „Das ist ein spezieller Tag! Ihr seid wirklich wunderbare Freunde Israels“ singt der israelische Premierminister  bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Kurz und der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen im King David Hotel in Jerusalem das Hohe Lied auf „die zwei dynamischen jungen Führungspersönlichkeiten“. Kurz bleibt ihm nichts schuldig: „Israel erweckt Bewunderung. Es ist das erste Land, das gezeigt hat, dass es möglich ist, das Virus zu besiegen“, erwidert der Kanzler.

Der Auftritt des Trios findet im King David Hotel statt. Das geschichtsträchtige wie luxuriöse Haus ist seit Monaten geschlossen und sperrt nur für ausländische Delegationen auf, die sich dorthin in Teilquarantäne begeben müssen. Dieses rigorose Reglement gilt für den Tross des Kanzlers, die ihn begleitenden Journalisten und schließlich für Kurz selbst. Auch er darf im Augenblick nur nach Israel einreisen, weil es im nationalen Interesse des Landes ist. Dass die Visite der Regierungschefs zweier nicht unerfolgreicher EU-Staaten dem sich mitten im Wahlkampf befindlichen israelischen Premier nicht schadet, dürfte vom politischen Vollprofi Netanjahu miteinkalkuliert sein.

Enge Kooperation

Über Kurz und Netanjahu ist viel geschrieben worden. Die Dänin Frederiksen erweckt bei der ganzen Unternehmung allerdings von Beginn an nicht den Eindruck, das dritte Rad am Wagen zu sein. Angeblich soll der Anstoß zum Tagestrip sogar von ihr ausgegangen sein. Gemeinsam mit Kurz ist die Sozialdemokratin nach einer Zwischenlandung in der Früh von Wien aus mit dem Flugzeug nach Jerusalem aufgebrochen, um mit den Israelis eine enge Kooperation bei der Erforschung und Herstellung von Impfstoffen gehen.

Am David-Ben-Gurion-Airport in Tel Aviv empfängt die beiden ein wolkenverhangener Himmel. Wo früher einmal im Minutentakt Maschinen landeten und abhoben, herrscht gähnende Leere. Der Flugverkehr zwischen Israel und der Welt ist mehr oder weniger eingestellt. Und auch das Protokoll wurde als Tribut an die Seuche auf das Nötigste eingedampft. In einem improvisierten Gestell hängen schlapp die österreichische, die dänische und die israelische Fahne. Eilig wurde ein Roter Teppich ausgerollt. Zum Empfangskomitee zählt auch Talya Lador-Fresher, bis 2019 israelische Botschafterin in Wien und jetzt im diplomatischen Dienst ihres Landes für die Beziehungen zu Europa zuständig. Wien gehe ihr ab, sagt sie.

PR-Aktion?

Über die Israelreise des Kanzlers ist im Vorfeld viel geätzt worden. Von einer PR-Aktion sprach die Opposition. Auch aus Paris kam Kritik. Die Impfstoffbeschaffung müsse weiterhin "im europäischen Rahmen" erfolgen, erklärte eine Sprecherin des französischen Außenministeriums . "Das garantiert die Solidarität zwischen Mitgliedstaaten, die mehr denn je nötig ist, und unsere kollektive Schlagkraft". Die Irritation am Quai d'Orsay hat damit zu tun, dass Kurz  vor der Reise  sein Missfallen über das schleppende Impfstoff-Management  der Europäischen Union bekundete und zu erkennen gab, dass Österreich hier zusätzlich eigene Wege beschreiten wolle.

Ein Eindruck, den man  Freitag in Israel ihm Umfeld des Kanzlers zu zerstreuen versucht. Es sei nicht die Absicht Österreichs, aus der EU auszuscheren. Vielmehr sei die Zusammenarbeit mit Israel komplementär zu verstehen. "Experten rechnen damit, dass wir auch in den kommenden Jahren jeweils zwei Drittel der Bevölkerung, also über sechs Millionen Österreicher, jährlich impfen müssen. Die Pandemie wird uns noch lange beschäftigten mit den verschiedenen neuen Mutationen, auf die wir uns rechtzeitig vorbereiten müssen", sagt Kurz.

Aber nicht nur das. Auf dem Weg nach Jerusalem besuchen der Kanzler und Frederiksen in der Stadt Modi'in ein Fitness-Center, wo ihnen der israelische „Grüne Impfpass“ vorgestellt wird, der als Muster auch für die EU Corona-Geimpften und -Genesen über die Möglichkeit zum Besuch von Restaurants, Kinos usw. schrittweise den Weg zurück in ein normales Leben ebnen soll.

Kurz bemüht Israel seit Ausbruch der Seuche gern als Vorbild. Tatsächlich war es Netanjahu, der den Kanzler nach dessen eigenen Worten vor einem Jahr, als das Coronavirus in Europa noch kaum bekannt war, mit den Worten „Ihr unterschätzt das!“ wachrüttelte und auf ein ähnlich forsches Vorgehen zur Bekämpfung der Pandemie in Österreich drängen ließ. In weiterer Folge fand sich eine Allianz von rasch auf die Pandemie reagierenden Ländern zusammen, zu der unter anderem auch Australien, Griechenland  und Neuseeland zählten.

Drei Lockdowns hat Israel seit Ausbruch der Seuche erlebt. Kam Netanjahu aufgrund explodierender Infektionszahlen zwischendurch arg ins Schlingern, scheint er aufgrund seiner weitsichtigen Impfstoffbeschaffung wieder weitgehend Herr der Lage zu sein. Doch auch wenn mittlerweile 3,5 von fast 9 Millionen Israelis gegen das Virus vollwertig geimpft sind, ist das Land längst nicht aus der Roten Zone heraus. Um der Pandemie in allen noch kommenden Variationen den Garaus zu machen, heben Kurz, Frederiksen und Netanjahu in Jerusalem daher als bedeutsamstes Ergebnis ihrer Zusammenkunft eine gemeinsame Stiftung zur Erforschung und Entwicklung von Impfstoffen mit einem Startkapital von 50 Millionen Euro aus der Taufe, das offen für weitere Länder sein soll. „Es geht darum, unsere Bevölkerung zu schützen. Wir können es uns nicht leisten, noch einmal unvorbereitet zu sein“, sagt Frederiksen. Gezielt sollen zudem  in allen drei Ländern eigene Produktionslinien für Impfstoffe aufgebaut und miteinander vernetzt werden. Bei den Details gibt man sich bei der Pressekonferenz noch wenig konkret. Aber da die Herstellung von Vakzinen eine komplexe Angelegenheit ist, will man unter Hervorkehrung der jeweiligen Stärken die Aufgaben teilen. Österreich könne sich insbesondere bei der Produktion von für die Impfstoffe unerlässlichen Lipiden einbringen, meint Kurz, ehe sich von einem Augenblick auf den anderen die Nacht über Jerusalem senkt und der Kanzler zu einem Treffen mit dem Starhistoriker Yuval Noah Harari enteilt.

Der Tag im Rückblick

16.53 Uhr: Schwerpunkte bei Impfstoffproduktion und Entwicklung von Medikamenten und Impfstoffen

Die Schwerpunkte der Zusammenarbeit sollen in der Impfstoffproduktion, der Impfstoffforschung und der Entwicklung von Medikamenten liegen. Au auf Journalisten-Nachfrage wollte sich Netanyahu aber auf keinen konkreten Zeitplan festlegen.

Kurz und Frederiksen waren zu Netanyahu gereist, um die künftige Zusammenarbeit im Impfbereich festzuzurren. Israel gilt als "Impfweltmeister" in der Corona-Pandemie. Allerdings muss das Land selbst die Corona-Impfstoffe aus dem Ausland beziehen.

16.40 Netanyahu erneut am Wort

Der israelische Premier spricht auch von einer israelischen Entwicklung im Bereich der Behandlungsmöglichkeiten. Ein an 30 Menschen getesteter Inhalator habe Erfolg versprochen.

16.35 Uhr: Kurz am Wort

Auch der Kanzler wiederholt: Zusammenarbeit in der Forschung und geplant Zusammenarbeit beim Aufbau von Impfstoffproduktion seien die beiden Themen heute gewesen.

16.27 Uhr: PK beginnt

Netanjahu betont zu Beginn, Thema des Besuches sei gewesen, dass man sich auf die Zukunft vorbereiten müsse. Keiner wisse, wie lange die Impfungen halten. Man müsse daher zusammenarbeiten.  Gesprochen habe man über einen gemeinsamen Forschungsfonds und gemeinsame Kapazitäten für die Entwicklung künftiger Impfstoffe. Das seien "großartige Neuigkeiten". Auch Frederiksen spricht über die Partnerschaft bei der Forschung, wird aber wenig konkret. Man wolle auf Zusammenarbeit bei Produktion und bei der Prüfung von Impfungen hinarbeiten.

 

16: 01: Kurz, Frederiksen und Netanyahu treten vor die Presse

Wegen schlechter Mobilfunk-Anbindung gibt es Probleme bei der Übermittlung des Videosignals. Der geplante Stream entfällt. Wir verfolgen die PK für Sie aber trotzdem und halten Sie auf dem Laufenden.

 

15.16 Uhr: Erste Bilder

++ HANDOUT ++ BK KURZ IN ISRAEL: TREFFEN MIT PREMIER NETANYAHU
Kurz und Frederiksen nahmen in einem Fitnessstudio an der Präsentation des sogenannten "Grünen Passes" teil.
© BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC
++ HANDOUT ++ BK KURZ IN ISRAEL: KURZ / FREDERIKSEN
Ankunft in Israel
© BUNDESKANZLERAMT/DRAGAN TATIC

 

14.22 Uhr: So funktioniert der "Grüne Pass"

Kurz und Frederiksen nahmen zum Auftakt ihrer Visite, vor dem Treffen mit ihrem israelischen Amtskollegen Benjamin Netanyahu in Jerusalem, in der Stadt Modi'in in einem Fitnessstudio an der Präsentation des sogenannten "Grünen Passes" teil. Dieser elektronische Impfpass in Form einer Handy-App war im Februar in Israel eingeführt worden und bestätigt eine Impfung beziehungsweise eine überstandene Corona-Erkrankung. Die Europäische Union hatte sich beim jüngsten EU-Gipfel auf ein ähnliches Modell geeinigt, das derzeit von der EU-Kommission erarbeitet wird und voraussichtlich in drei Monaten ausgerollt werden soll. Der Kanzler will sich auch dafür einsetzen, dass der europäische "Grüne Pass" auch in Israel anerkannt wird, hieß es aus dem Bundeskanzleramt.

14 Uhr: Teilquarantäne

Journalisten wurden in das berühmte King David Hotel in Jerusalem gebracht. Es hat seit fast neun Monaten zu, aber eigens für die österreichisch-dänische Delegation aufgesperrt. Die gesamte Delegation befindet sich in Teilquarantäne. Eigentlich dürften Ausländer derzeit nicht einreisen, der Flughafen ist an sich zu, aber für ausländische Besuche im nationalen israelischen Interesse werden Ausnahmen gemacht. Benjamin Netanjahu kommt zu den Gesprächen ins Hotel.

 

13.49 Uhr: Kritik aus Frankreich

Frankreich hat die geplante Impfstoff-Kooperation von Österreich und Dänemark mit Israel kritisiert. Die Impfstoffbeschaffung müsse weiterhin "im europäischen Rahmen" erfolgen, sagte eine Sprecherin des französischen Außenministeriums mit Blick nach Tel Aviv.  "Das garantiert die Solidarität zwischen Mitgliedstaaten, die mehr denn je nötig ist, und unsere kollektive Schlagkraft", betonte sie.

 

12.45 Uhr: In Tel Aviv gelandet

Vor kurzem sind Kurz und Frederiksen in Tel Aviv gelandet. Vor der Abreise meinte Kurz: "Experten rechnen damit, dass wir auch in den kommenden Jahren jeweils zwei Drittel der Bevölkerung, also über  sechs Millionen Österreicher jährlich impfen müssen. Das gibt allein für Österreich in den kommenden Jahren einen Bedarf von rund 30 Millionen Impfdosen. Die Pandemie wird uns somit mit verschiedenen neuen Mutationen, auf die wir uns rechtzeitig vorbereiten müssen, noch lange beschäftigen. Darüber, also über die Erforschung und Produktion von an die Mutationen angepasste Impfstoffe, werden wir heute mit Israel sprechen.

Warten auf Kurz und Frederiksen
© Winkler

Im Rahmen des Besuchs wird Kurz zunächst der "Grüne Pass" vorgeführt, ein elektronischer Impfpass in Form einer Handy-App, der die Immunisierung gegen Covid-19 erfasst. Im Anschluss ist ein Sechs-Augen-Gespräch mit Netanyahu und Frederiksen geplant. Die Pressekonferenz der drei soll um 17.00 Uhr Ortszeit (16.00 Uhr MEZ) stattfinden. Wir werden live davon berichten.

12 Uhr: Opposition spricht von Imagepolitur

Kurz fliege Monate zu spät nach Israel, kritisierte unterdessen FPÖ-Chef Norbert Hofer am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Reise sei ein "Eingestehen des Fehlers", dass man sich bei der Impfstoffbeschaffung auf die EU und das Personal von Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) verlassen habe, meinte Hofer. "Am Abend wird der Faule fleißig." Wenn man etwa selbst einen Impfstoff herstellen wolle, sei das ein erster Schritt, der aber "viel zu spät" komme.

Was ist der Grund der Reise?

Kurz begründet das Streben nach einer Impfstoffkooperation damit, dass die von der Europäischen Union getätigten Bestellungen nicht so schnell wie erwartet liefen. Ziel müsse es sein, sich auf die Phase nach dem Sommer vorzubereiten und angesichts von Coronavirus-Mutationen "bestehende Impfstoffe und Therapien möglichst schnell anzupassen oder neue schnell zu produzieren und dies möglichst eigenständig", sagte er im Vorfeld.

Die Initiative wurde weithin als Kritik an der EU verstanden. Kurz stellte am Mittwoch klar, dass die Allianz mit Israel und Dänemark nicht als Abkehr von der EU zu verstehen sei. "Es ist definitiv kein Verlassen des europäischen Weges", betonte er in einer Pressekonferenz in Wien.

Einem Bericht der "Financial Times" (FT) vom Montag zufolge sind Österreich, Dänemark und Israel bereits im Dialog mit den Vakzin-Herstellern Pfizer und Moderna im Bezug auf den Aufbau einer eigenen Produktion. Die FT berichtete unter Berufung auf einen anonymen Mitarbeiter des Kanzleramts außerdem, Österreich habe einen potenziellen Standort für eine derartige Impfstofffabrik bereits ausfindig gemacht.

Am Dienstag traf der Kanzler im Vorfeld seiner Israel-Reise gemeinsam mit Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck und Bildungsminister Heinz Faßmann (alle ÖVP) mit Vertretern von rund zwanzig Pharmaunternehmen mit Standorten in Österreich (darunter Pfizer, Novartis, Polymun oder Boehringer Ingelheim) sowie führenden Wissenschaftern und Medizinern zusammen.

Israel als Vorbild?

Israel hat bereits einen elektronischen Pass eingeführt, der eine Immunisierung gegen Covid-19 bestätigt. Beim EU-Gipfel vergangene Woche hatte es bezüglich eines sogenannten "Grünen Passes" auch innerhalb der Europäischen Union eine Einigung gegeben. Dieses Projekt wird von der österreichischen Bundesregierung stark befürwortet. Am Montag hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mitgeteilt, dass die Kommission bis 17. März einen Entwurf für den "Grünen Pass" vorlegen wird.

Entgegen der eher langsam anlaufenden Impfkampagne in der Europäischen Union gilt Israel mittlerweile als "Impfweltmeister": Bereits mehr als die Hälfte der erwachsenen Israelis sind mindestens einmal geimpft. In Israel finden zudem am 23. März erneut Wahlen statt - bereits zum vierten Mal innerhalb von nur zwei Jahren. Netanyahu hofft nach dem Zerbrechen seiner Koalition mit seinem Herausforderer Benny Gantz nach nur wenigen Monaten auf eine Stärkung seiner Likud-Partei an der Wahlurne. Gleichzeitig strebt der Premier danach, in einem derzeit laufenden Korruptionsverfahren nicht verurteilt zu werden.