Frankreich gibt den europäischen Nachbarn derzeit viele Rätsel auf. Die stolze Republik, die sich auf ihr Gesundheitssystem viel eingebildet hat, war erschütternd schlecht auf die Epidemie vorbereitet und bezahlt das mit einer hohen Zahl an Toten, aber auch mit einem starken Vertrauensverlust der Bürger in die Politik.

In der Todesstatistik hat Frankreich hinter Italien, Großbritannien und Spanien seinen inzwischen angestammten vierten Platz. Das Gesundheitssystem hat am vorläufigen Höhepunkt der Epidemie nur gehalten, weil Patienten aus überlasteten Regionen in andere Landesteile oder über die Grenze nach Deutschland und in andere Länder transportiert wurden.

Noch etwas überrascht: Die notorisch freiheitsliebenden Franzosen, die Präsident Emmanuel Macron nach der Gelbwesten-Revolte und den Protesten gegen die Pensionsreform als „widerspenstige Gallier“ bezeichnete, haben anstandslos einen der strengsten und längsten Lockdowns in Europa über sich ergehen lassen. Das in Aussicht gestellte Ende am 11. Mai ist nur eine sehr vorsichtige Lockerung.

Als Regierungschef Edouard Philippe die Exit-Strategie Frankreichs vor dem Parlament darlegte, war schnell klar: Verlangt wird weiterhin Disziplin, wenn nicht sogar Gehorsam. Mit den hoffnungsvollen Tönen der „glücklicheren Tage“, die Präsident Macron in seinen Ansprachen anfangs in Aussicht stellte, hatte der Auftritt des Premiers nichts zu tun.

Knapp eine Million Strafen wurden verhängt

Das Arsenal der Verbote ist groß und oft nicht nachvollziehbar. Nicht nur die Parkanlagen in Paris sind geschlossen, auch einsame Wälder oder menschenleere Strände sind gesperrt und werden teils mit Drohnen überwacht. Der Innenminister brüstet sich damit, dass die Polizei 15 Millionen Kontrollen durchgeführt und knapp eine Million Strafen verhängt habe. Manch einer musste 130 Euro zahlen, nur weil er den Einkauf nicht mit einem Kassenzettel nachweisen konnte.

 

Die Bewegungsfreiheit bleibt stark eingeschränkt. Reisen über 100 Kilometer vom Wohnort entfernt müssen „zwingende berufliche oder familiäre Gründe“ haben. Restaurants, Cafés und Hotels bleiben geschlossen. Auch das Kulturleben verharrt im Winterschlaf. Großveranstaltungen und Festivals sind bis September abgesagt. Konzertsäle, Theater, Kinos, die großen Museen bleiben geschlossen. Nur kleine Museen dürfen öffnen, wenn sie die Abstandsregeln gewährleisten.

Vieles ist unklar, eines steht schon jetzt fest: Das Frankreich, das am 17. März zum Stillstand kam, ist nicht dasselbe Frankreich, das zwei Monate später aus der Schockstarre erwachen wird. Die Republik hat sich verändert. Nicht nur das französische Selbstbewusstsein ist angeknackst, auch der blinde Glaube an den Zentralstaat, der von Paris aus die Geschicke der Nation lenkt, geht gerade kaputt.

Macron hat begriffen, dass die Epidemie regional sehr unterschiedlich zugeschlagen hat, und daraus Konsequenzen gezogen. Dass in Frankreich jetzt Regionspräsidenten und Bürgermeister mehr Entscheidungsfreiheit haben, wird als „Annäherung an die deutschen Nachbarn“ interpretiert. Dass regionalen Akteuren mehr Kompetenz zugetraut wird als Pariser Technokraten, ist tatsächlich neu. „Die Ausgangssperre wurde von Jakobinern verhängt. Ihre halbe Aufhebung ist die Tat von Girondisten“, schreibt der Essayist Alain Duhamel in Anspielung auf die beiden großen politischen Strömungen der Französischen Revolution.

Noch etwas ist anders: Frankreich fühlt sich von Deutschland endgültig abgehängt. „Wir sind als ein Zwischenstaat zwischen Nord- und Südeuropa in die Krise gegangen. Wir verlassen sie als ein Land des Südens“, notiert der Essayist Nicolas Baverez. Die Zahl der Arbeitslosen ist auf 3,7 Millionen Menschen gestiegen, ein Zuwachs um mehr als sieben Prozent, der höchste seit Beginn der Statistik. Die staatliche Gesamtverschuldung, so schätzen Experten, werde auf 115 Prozent des Bruttoinlandsproduktes anwachsen. „Frankreich ist im Abseits“, urteilt Baverez.

Es ist vor allem der Vergleich mit den Nachbarn, der den Franzosen das Versagen des eigenen Systems deutlich vor Augen führt. Legion sind im Augenblick Artikel und Magazin-Titel, die das deutsche Wunder zu erklären versuchen. „Die sanitäre Krise enthüllt uns den eigenen Abstieg“, urteilt der Politologe Jérôme Fourquet, „wir sind jetzt Teil des sogenannten Club Med.“

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