Als sich die Staats- und Regierungschefs der sieben wichtigsten westlichen Industrienationen 2018 in Kanada trafen, teilte der damalige deutsche Regierungssprecher Steffen Seibert in den sozialen Medien ein Bild, das um die Welt ging: Zu sehen war auf dem Foto eine entschlossen dreinblickende Angela Merkel, die die Hände auf den Tisch vor ihr stützt und sich nach vorne beugt. Ihr und den anderen Regierungschefs gegenüber sitzt ein klein wirkender Donald Trump, der seine Arme vor dem Körper verschränkt.
Von der Szene gibt es noch andere Aufnahmen, bei denen die Fotografen mit geänderter Perspektive andere Regierungschefs in die Mitte des Geschehens gerückt haben. Doch das Bild der deutschen Seite gab die Stimmung des wegen eines Streits mit Trump ohne gemeinsame Abschlusserklärung zu Ende gegangenen G7-Gipfels zweifellos am besten wieder: Der US-Präsident als großer Disruptor, der alle vor den Kopf stößt, die deutsche Kanzlerin als konsensorientierte Stimme der Vernunft.
Sieben Jahre danach richtet Kanada nun erneut einen G7-Gipfel aus und die Vorzeichen sind ähnlich wie damals. Trump, für den das am Sonntag beginnende Treffen die erste derartige Begegnung seiner zweiten Amtszeit ist, hat einen globalen Handelskrieg vom Zaun gebrochen und droht dabei auch so gut wie allen eigentlich mit den USA befreundeten Ländern mit massiven Zöllen. Mit den Europäern liegt der US-Präsident wegen seiner Ukraine-Politik und seinen kaum versteckten Sympathien für Wladimir Putin über Kreuz. Das Gastgeberland Kanada hat der 79-jährige Republikaner mit seinen Eingemeindungsfantasien und dem rhetorischen Dauerbeschuss nachhaltig verstört.
Merz, Macron und Starmer können mit Trump
Dass es wie 2018 zum großen Eklat kommt, ist aber eher unwahrscheinlich. Denn der G7-Gipfel wird nach dem israelischen Angriff auf den Iran nicht nur von einem neuen Krieg überschattet, der den gesamten Nahen Osten in den Abgrund stürzen könnte. Mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, dem britischen Regierungschef Keir Starmer und dem deutschen Kanzler Friedrich Merz nehmen auch drei Politiker teil, die in den vergangenen Wochen schon im Weißen Haus zu Gast waren und dabei von Trump durchaus mit Lob bedacht worden waren. Und mit der italienischen Premierministerin Giorgia Meloni kann Trump sowieso. „Wenn Trump ein gutes Verhältnis zu einem Regierungschef hat, dann haben die USA auch gute Beziehungen zu diesem Land“, sagt Trumps ehemaliger Nationaler Sicherheitsberater John Bolton, der 2018 in Kanada dabei war, zur „Washington Post“.
Dass man sich versteht und einen persönlichen Draht zueinander gefunden hat, bedeutet freilich nicht, dass es beim Treffen im in den kanadischen Rocky Mountains gelegenen Ski-Resort Kananaskis auch inhaltliche Fortschritte geben wird. So wird sich Trump, der sich mit Macron, Starmer und Merz in den vergangenen Wochen immer wieder über die Ukraine ausgetauscht hat, wohl auch nicht in der amikal-vertrauten Atmosphäre, die bei den G7-Treffen häufig herrscht, zu einem grundlegenden Kurswechsel gegenüber Russland überreden lassen. Gleiches gilt auch für die Zölle, die der US-Präsident als zentralen Baustein seiner Wirtschaftspolitik ansieht. In der Abschlusserklärung des als Vorbereitung dienenden Treffens der G7-Finanzminister wurde das Thema so gut wie möglich umschifft, in dem Dokument ist nur allgemein von „handelspolitischen Unsicherheiten, die schwer auf dem globalen Wachstum lasten“ die Rede.