Midtown Manhattan, nach der Wahl. Noch hat Donald Trump sein Amt nicht offiziell angetreten, aber alle bereiten sich schon innerlich darauf vor. Im Clubhaus der Republikaner treffen sich Gäste des Center for Immigration Studies, ein konservativer Think Tank, der Immigration einschränken möchte. Es sprechen Mark Krikorian, der Direktor des Centers und John Fund, Autor für die konservative National Review und TV-Analyst bei Fox News.

Krikorian fühlt sich natürlich durch den Wahlsieg ermuntert, aber noch mehr dadurch, wer für Trump gestimmt hat: eingebürgerte Immigranten aus Süd- und Mittelamerika. Trump habe selbst in Wahlkreisen gesiegt, die an Mexiko grenzen und wo spanisch-sprechende Immigranten die große Mehrheit der Wähler stellen, sagt John Fund. „Viele von denen arbeiten als Polizisten oder Grenzsoldaten, und die sehen, was dort unten los ist“. In den Hochzeiten der Grenzkrise kamen jeden Tag Tausende in Kalifornien und Texas an, nicht nur Mexikaner, auch Chinesen und Afrikaner.

Auch in den New Yorker Bezirken, wo viele Immigranten wohnen — die Bronx und Queens —, legte Trump zweistellig zu. Die Hispanics — und auch Asiaten — folgen dabei dem gleichen Trend wie früher die Iren und Italiener: Wer frisch ins Land gekommen ist und nach oben strebt, wählt die Demokraten. Wer sich assimiliert und finanziell konsolidiert hat, wendet sie sich den Republikanern zu.

1,4 Millionen Menschen mit Ausreisebescheid

Trump hat angekündigt, die knapp elf Millionen undokumentierten Ausländer abzuschieben, die sich nach Schätzung des Department for Homeland Security in den USA aufhalten. Die ersten entsprechenden Dekrete könnte er bereits unmittelbar nach seiner zweiten Angelobung als US-Präsident am Montag unterzeichnen. Die „Washington Post“ vermutet, dass zunächst die drankommen, die straffällig wurden. Dem Heimatschutzministerium zufolge sind das 662.566 Einwanderer. Davon seien zwei Drittel im Gefängnis; sie müssten nach dem Ende der Haftzeit das Land verlassen. Danach seien jene Asylbewerber an der Reihe, die bereits alle legalen Möglichkeiten ausgereizt haben. Insgesamt hätten 1,4 Millionen den Ausreisebefehl bekommen. Dazu kommen gut eine Million geduldete Flüchtlinge, großteils aus Venezuela, El Salvador, der Ukraine und dem Sudan, aber auch aus Kuba, Haiti und China. Und viele sind einfach untergetaucht.

Migrant people seeking asylum in the United States demonstrate on the Rio Grande river to ask for authorization to enter the country, as seen from Ciudad Juarez, state of Chihuahua, Mexico on April 25, 2024. (Photo by Herika Martinez / AFP)
 In den Hochzeiten der Grenzkrise kamen jeden Tag Tausende in Kalifornien und Texas an, nicht nur Mexikaner, auch Chinesen und Afrikaner.  © HERIKA MARTINEZ

Doch sind Massenabschiebungen überhaupt möglich? Trump hat in seiner ersten Amtsperiode bereits 1,5 Millionen weggeschickt, Noch-Amtsinhaber Joe Biden im Jahr 2024 etwa die gleiche Zahl. Und es gibt einen Präzedenzfall. In den fünfziger Jahren befehligte Präsident Dwight D. Eisenhower die „Operation Wetback“. Damals wurden mehr als eine Million mexikanisch-stämmige Immigranten deportiert; legale Immigranten, illegale, und sogar eingebürgerte Amerikaner. Das geschah gegen den Widerstand der Rancher in Texas, die billige Arbeitskräfte brauchten.

Da die Armee im Inneren nicht eingesetzt werden durfte, stürmten paramilitärische Grenzkontrolleure Wohnhäuser, Fabriken und Farmen, internierten alle Mexikaner, derer sie habhaft werden konnten und setzten sie in Züge, Busse und Flugzeuge — von Chicago aus flogen damals jede Woche drei Flugzeuge voller Immigranten nach Mexiko. Auch Boote wurden eingesetzt, die eher Sklavenschiffen ähnelten. Ähnliches geschah bereits in den dreißiger Jahren während der Großen Depression.

Dabei lebten in Eisenhowers Amerika nur 150 Millionen Menschen, heute sind es mehr als doppelt so viele. Jedes Jahr kommt ungefähr eine Million hinzu, meist durch Familiennachzug. Denn das Immigrationssystem ist byzantinisch und undurchschaubar. Beide Parteien sind sich einig, dass es reformiert werden muss, aber sie sind seit Jahrzehnten zerstritten, wie das geschehen soll.

Arbeitgeber sind an billigen Arbeitskräften interessiert

Bei den Demokraten gebe es Ideologen, die grundsätzlich Grenzen und nationale Souveränität ablehnen, sagt Krikorian. Allerdings gibt es auch bei den Republikanern Hardliner, die sich Reformen widersetzen, die eine Mehrheit der Bevölkerung für richtig hält. Dazu gehört eine Amnestie für „Dreamer“, die als Kleinkind mit ihren Eltern gekommen und jetzt in ihren Zwanzigern sind. Alleine das sind zwei bis drei Millionen Menschen, von denen eine Minderheit temporären rechtlichen Schutz vor Abschiebung hat. Ronald Reagan hatte 1986 drei Millionen solcher Leute per Amnestie zu Staatsbürgern gemacht, davon sind die Republikaner heute weit entfernt.

Wie unter Eisenhower, sind es auch heute die Arbeitgeber, die an billigen, rechtlosen und ausbeutbaren Arbeitskräften interessiert sind. Beim Dachdecken, im Straßenbau und auf den kalifornischen Feldern arbeiten fast nur Hispanics. Auch viele Privathaushalte beschäftigen zugewanderte Kindermädchen oder Gärtner, oft undokumentiert. „Ich kenne alleine zwölf Kongressabgeordnete, die illegale Angestellte haben“, sagt Fund. Die zahlten zwar Steuern, aber das Finanzamt kooperiere nicht mit dem Heimatschutzministerium. Da müssten Gesetze geändert werden.

Die Zuhörer im Saal nicken beifällig. Die Republikaner müssten auch die legale Immigration einschränken, sagt eine Besucherin. High-Tech-Immigranten, die von Firmen wie Google bevorzugt würden, drängten qualifizierte Amerikaner aus gut bezahlten Jobs. Ob allerdings Trump, der sich von Elon Musk beraten lässt, dem Silicon Valley den Nachschub abschneidet, darf man bezweifeln.